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Die Russische Kirche in Deutschland. Geschichte und Gegenwart

Aktualisiert: 22. März 2022



Bischof Hiob von Stuttgart

Die Russische Kirche hat im vergangenen Jahrhundert eine äußerst schwere, leidvolle und wechselhafte Geschichte durchlebt, in deren Zuge sie mehrfach an den Rand ihrer Existenz getrieben wurde und eine Reihe von unüberwindlichen Trennungen erfahren hat. Mitten in diesen Wirren müssen wir die Geschichte der Gemeinden und Kirchen auf deutschem Boden nachzeichnen, was eine etwas weitere Perspektive auf die Gesamtentwicklung der Kirche in und zwischen zwei Weltkriegen und einer Revolution nötig machen wird.

Bis 2007 befanden sich in Deutschland drei Kirchenjurisdiktionen russischer Herkunft, die einander eher feindlich gegenüberstanden. Im Mai 2007 erlebten wir die Wiedervereinigung der zwei bedeutendsten Teile der Russischen Kirche, des Moskauer Patriarchates und der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland. Die Auslandskirche besteht weiterhin als autonomer Teil der Russischen Ortskirche. Seit 2019 ist auch das „Erzbistum der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa“ mit Sitz in Paris in die Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats aufgenommen worden. Es hat in Deutschland etwa ein halbes Dutzend Gemeinden.

I. Die russische Zarenzeit

Die Russische Kirche ist in Deutschland mindestens seit dem Jahre 1718 präsent[1], als in Berlin die erste Kappelle gegründet wurde, die mit zunächst wechselndem Ort, dann seit 1733 im Botschaftshaus in der Wilhelmstraße den russischen Diplomaten im Auslandseinsatz diente. 1827 wurde diese Kapelle in der Kaiserlich-Russischen Botschaft Unter den Linden 7 untergebracht. Zar Nikolaj I., der eine preussische Prinzessin geheiratet hatte, nutzte sie bei seinen Aufenthalten in Berlin, um orthodoxe Gottesdienste feiern zu können. Unter ähnlichen Umständen entstanden auch anderorts in Deutschland Hofkapellen und Gesandtschaftskirchen für russische Fürsten, Fürstinnen und Diplomaten, so z.B im Kieler und im Weimarer Schloss, in Frankfurt/Main, Wiesbaden und seit 1789 in München[2]. Eine Besonderheit ist die 1826 in Potsdam auf dem Kapellenberg erbaute Kirche des hl. Alexander Nevskij, welche die Gottesdienststätte jener in der Militärkolonie "Aleksandrovka" angesiedelten ehemaligen russischen Kriegsgefangenen war. In diesen Residenz- und Gesandtschaftskirchen fanden regelmäßige Gottesdienste im kleinen Rahmen statt.

Eine andere Kategorie[3] stellen die seit Ende des 19. Jh. entstehenden Kirchen an von Russen oft besuchten Kurorten dar, wie in Bad Ems, Baden-Baden und Bad Homburg, die in der Regel nur in den Saisonmonaten benutzt wurden. Den Bau solcher Kirchen förderte insbesondere der Erzpriester Propst Aleksej Petrovic Mal'cev, der seit 1886 in der Berliner Botschaft tätig war. Er gründete dafür die bis heute existierende "Bruderschaft des hl. Wladimir", zu deren Werken u.a. die 1901 neu errichtete Kirche in Bad Kissingen, Hauskirchen in Hamburg (1902), Bad Brückenau und Bad Wildungen sowie die Übernahme einer ehemalig evangelischen Kirche in Bad Nauheim, zu der noch ein Hospiz gebaut wurde, zählen. Die Gedächtniskirche in Leipzig, deren Bau 1913 von Petersburg aus initiiert worden war, diente ursprünglich nicht dem gottesdienstlichen Gebrauch. Insgesamt besaß die Russische Kirche in Deutschland vor dem I. Weltkrieg etwa 36 Kirchen, Häuser und Grundstücke[4].

Besondere Erwähnung verdient das Wirken des Propstes Mal'cev[5], der nicht nur ein respektables Übersetzungswerk liturgischer Texte veröffentlichte, sondern dem es auch gelang, seit 1913 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine Zeitschrift herauszugeben, die "Cerkovnaja Pravda" ("Theologischer und allgemeinkirchlicher Bote im Ausland"). Sie sollte dem theologischen Austausch aber auch der Mission dienen. Von den Übersetzungen Mal'cevs wurde z.B. in der Militärkolonie in Potsdam Gebrauch gemacht, wo der deutschstämmige Priester Vasilij Antonovic Goeken auch deutsche Liturgien zelebrierte, um die Nachkommen der einst in Potsdam ansässigen Russen in die Gemeinde zurückzuholen. Die russische Geistlichkeit im Ausland unterstand in dieser Zeit direkt dem Metropoliten von St. Petersburg. Bei Ausbruch des I. Weltkriegs[6] wurden alle Botschafter und die Mehrzahl der Geistlichen aus Deutschland abberufen, unter ihnen auch Mal'cev. Vereinzelt noch stattfindende Gottesdienste provozierten mitunter publizistische Ausfälle. So kam das geistig-liturgische Leben in dieser Zeit beinahe vollständig zum erliegen.

II. Das Allrussische Konzil und die Entstehung der ROKA nach der Revolution

Im Zarenreich herrschte seit der Petrinischen Reform ein ausgeprägtes Staatskirchentum[7]. Peter der Große hatte das Patriarchat abgeschafft und jegliche synodale Versammlung von Bischöfen untersagt. Stattdessen hatte er ein Kollegialorgan nach dem Vorbild der protestantischen Kirchenverfassung eingerichtet, das er "geistliches Kollegium" nannte und das aus drei bis sieben Bischöfen sowie niederem Klerus, Mönchen und Laien bestand. Es wurde jedoch von einem kaiserlichen Prokurator beaufsichtigt und von ihm quasi geführt. Diese völlig unkanonische Einrichtung nannte sich später "Heiligster Synod" und wurde als solcher auch im Gottesdienst kommemoriert. In der gesamten Epoche des Russischen Imperiums bis zur Revolution wurde die Kirche von der Staatsmacht bevormundet[8].

In der zweiten Hälfte des 19. Jh. erlangte die Kirche langsam wieder mehr Selbstständigkeit, und begann neu aufzuleben. Schon 1905 begann auch der langjährige Wunsch nach einem Konzil Früchte zu tragen. Mit der Erlaubnis des Zaren Nikolaj II. wurde eine "vorkonziliare Kommission" eingerichtet. Er ließ die Einberufung eines solchen Allrussischen Konzils jedoch Zeit seines Amtes wegen der unruhigen Lage im Land nicht zu. Mit Ausbruch der Revolution und der Abdankung des letzten Zaren versammelte sich 1917/1918 das lang vorbereitete Allrussische Konzil, in dem auch Laien (Professoren, etc.) Stimmrechte besaßen.

Wichtigster Beschluss war zweifellos die Wiederherstellung des Patriarchats, deren größter Verfechter Metropolit Antonij (Chrapovickij) war[9]. Er erhielt bei der Wahl des Patriarchen auch mit Abstand die meisten Stimmen. Jedoch wurde die endgültige Entscheidung durch ein Losverfahren getroffen, bei dem sich Metr. Tichon durchsetzte. Der neue Patriarch war bis zu seinem Tod 1925 das Symbol der Einheit der Russischen Kirche (auf Metr. Antonij wartete eine fast noch schwerere Aufgabe, denn er sollte bald der geistige Führer der Kirche im Exil und ihr erstes Oberhaupt werden). Auf diesem Konzil wurde auch der Grund gelegt für jene Kirchenstruktur, die die Einbeziehung der Laien in die Kirchenleitung förderte und der sich heute alle Teile der Russischen Kirche auf verschiedene Weise verpflichtet fühlen.

Noch im Jahr 1918 begann als Reaktion auf den Bolschewistenputsch der Bürgerkrieg, bei dem das Land zeitweise in zwei Gebiete geteilt war. Durch die Kriegsfronten war der Kontakt eines großen Teils der Kirche zum Patriarchen nicht möglich und die dortigen Bischöfe organisierten sich um den jeweils Rangältesten zu zentralen Kirchenleitungen sowie zu Bischofssynoden für schwerere Entscheidungen (eine in Sibirien und eine in Südrussland)[10], in denen aber wiederum auch Laien saßen. Die sog. Oberste Kirchenleitung Südrusslands, die aus drei Erzbischöfen – unter ihnen Antonij (Chrapovickij) –, zwei Priestern und zwei Laien bestand, wurde beim Rückzug der weißen Armee 1920 mit dieser über die Krim nach Konstantinopel evakuiert[11]. Auf einem der 125 Schiffe, die damals an die 150 000 Flüchtlinge zusammen mit Geistlichen, Staatsbeamten, Lehrern, Professoren, Mönchen und Nonnen über das Schwarze Meer setzten, tagte zum ersten Mal auch die OKV, die nun ihre neue Verantwortung in der geistigen Führung der Emigration sah. Die Zahl der weltweiten Emigration nach dem Bürgerkrieg belief sich schätzungsweise auf 2 Millionen Menschen. In Konstantinopel wurden die 12 vertriebenen Bischöfe vom Ökumenischen Patriarchen freundlich empfangen. Am 22. Dez. erließ dieser ein Dekret[12] unter der Nr. 9084, dass der Obersten Russischen Kirchenverwaltung im Ausland, wie sie sich jetzt nannte, alle Vollmachten zur Regelung der kirchlichen und religiösen Belange der Emigranten in seinem Jurisdiktionsbereich übergab[13]. Im Juli des folgenden Jahres siedelte die Verwaltung auf Einladung des serbischen Patriarchen nach Karlowitz in Jugoslavien um. In Konstantinopel blieb Metropolit Anastasij (Gribanowski) für die Flüchtlinge zuständig. Auch in Serbien wurde den russischen Bischöfen eine faktisch autonome Verwaltung gewährt. Wir sehen hier also von Anfang eine von den Kanones nicht vorgesehene Situation, dass Bischöfe auf dem Boden einer fremden Jurisdiktion ihre Gläubigen selbstständig betreuen. Neben dem Territorialprinzip (eine Stadt – ein Bischof) etablierte sich hier das Volksprinzip als natürliche Folge der völlig neuen Diasporasituation, bei der Gläubige zusammen mit ihren Hirten und Klerikern aus ihrer Heimat vertrieben wurden und dies auch zunächst nur als vorübergehendes Exil ansahen. Dass die russischen Bischöfe im orthodoxen Ausland sich somit weiterhin als Teil ihrer Ortskirche verstanden und ihre Herde zusammenhielten, geschah mit dem ausdrücklichen Segen der dortigen Landeskirchen.

Diese Entwicklungen fanden ihre Billigung und volle Unterstützung des Patriarchen Tichon in Moskau, die er jedoch nur indirekt zum Ausdruck bringen konnte. Einmal, indem er alle Beschlüsse der OKV, die ihm durch den Vormarsch der Roten Armee in das geräumte Gebiet Südrusslands bekannt geworden waren, in das Synodalverzeichnis eintragen ließ. Zum zweiten, indem er bis zu seinem Tod in brieflichem Kontakt mit der OKV blieb und Anweisungen an die ausländischen Bischöfe auf diesem Weg gab und umgekehrt alle deren Beschlüsse nachträglich bestätigte. Der dritte Umstand ist jedoch am wichtigsten[14]. In einem Dekret vom 20. Nov 1920, also bereits nach der Evakuierung, ordnete die Synode des Patriarchen mit Dekret Nr. 362 an, dass sich die Bischöfe, die zeitweise von Moskau abgeschnitten sind, sich zu Obersten Kirchenverwaltungen organisieren sollten, genauso, wie es tatsächlich geschehen war. Dieses Dokument gilt bis heute als „magna charta“ und kanonische Grundlage der Auslandskirche[15].

Im Januar 1921 wurde Erzb. Evlogij von der OKV für die Verwaltung Westeuropas bestellt. Im März erging vom Patriarchen die gleiche Anordnung, offenbar als Bestätigung. Im selben Jahr berief die Auslandskirche die erste Gesamtversammlung der russischen Emigration ein, die nach dem Vorbild des Allrussischen Konzils von 1917/18 zusammengesetzt war und sich in dessen Tradition als Konzil verstand[16]. In der Folge wurde Metropolit Antonij als Rangältester Bischof zum Vorsitzenden der OKV wie des Bischofskonzils und damit schließlich zum ersten Ersthierarchen der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (bis 1936). Dies wurde durch die Formulierung "Vikar des Patriarchen" unterstrichen, wodurch er als Stellvertreter desselben erschien. Zu jener Zeit befanden sich 34 Bischöfe außerhalb der sowjetischen Staatsgrenzen, die alle die Bestimmungen dieses Organes akzeptierten. Den Konzilsakten ist außerdem zu entnehmen, dass auch der Ökumenische Patriarch, der Patriarch von Russland und der Patriarch von Serbien das Konzil ausdrücklich anerkannten. Metr. Evlogij von Westeuropa versuchte eine relative Autonomie für seinen Metropolitankreis zu erwirken. Er sah sich nur "locker" mit der neuen Kirchenverwaltung verbunden.

1922 wurde Patriarch Tichon offenbar gezwungen, ein Dekret zu unterzeichnen, das die Auflösung der OKV wegen ihres politischen Engagements gegen die Sowjetmacht forderte[17]. Die OKV handelte damals stets "im Namen des Patriarchen", was zu Repressalien gegen Tichon und schließlich zu seiner Inhaftierung führte[18]. Unter den Bischöfen im Ausland bestand kein Zweifel, dass es sich um ein Dokument handelte, dass nur unter dem Druck der Bolschewiken und auf deren Veranlassung unterschrieben worden war. Trotzdem versuchte Metr. Antonij, ihm wenigstens formell zu entsprechen und gründete statt der OKV den sog. "provisorischen Bischofssynod"[19], den auch alle 28 emigrierten Bischöfe anerkannten. Damit war es dem Metropoliten gelungen, nebenbei eine gesündere kirchliche Verfassung einzurichten, bei der die Bischöfe endlich selbstständig handeln konnten.