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,,Die Kirche ist zur Geisel politischer Leidenschaften und militärischer Handlungen geworden"

vor 10 Stunden
15 Min. Lesezeit

Interview mit Metropolit Feodosij von Tscherkassy und Kanew

Am 14. August 2026 ging bei Seiner Eminenz Metropolit Mark von Berlin und Deutschland, der Mitglied bei der internationalen Menschenrechtsorganisation „Church Against Xenophobia and Discrimination“ ist, ein Informationsbericht über die Tätigkeit der Ortganisation im Rahmen der Menschenrechtsmechanismen der Vereinten Nationen ein.

Im Begleitschreiben wird unter anderem auf die Arbeit internationaler Menschenrechtsorganisationen hingewiesen, die sich mit der Dokumentation von Fällen der Verfolgung von Geistlichen und Gläubigen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche befasst. In diesem Zusammenhang hat „Church Against Xenophobia and Discrimination“ darum gebeten, die Verbreitung von Materialien zu dieser Problematik zu unterstützen, insbesondere auch über orthodoxe Informationsportale.

Diesem Anliegen folgend und in der Überzeugung, dass es wichtig ist, den Lesern sowohl das Zeugnis eines unmittelbaren Augenzeugen der gegenwärtigen Ereignisse als auch die Einschätzung eines herausragenden Hierarchen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche zugänglich zu machen, veröffentlicht die Redaktion im Folgenden ein Interview mit Seiner Eminenz Metropolit Feodosij von Tscherkassy und Kanew. Das Gespräch widmet sich der gegenwärtigen Lage der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (UOK).

Frage 1:

Eure Eminenz, wie würden Sie die gegenwärtige Lage der Ukrainischen Orthodoxen Kirche charakterisieren?

Metropolit Feodosij:

Die Lage der Ukrainischen Orthodoxen Kirche ist heute die schwierigste in ihrer gesamten jüngeren Geschichte. Wir sind Zeugen einer beispiellosen Kombination aus gesetzgeberischem, gerichtlichem, administrativem, physischem und moralischem Druck auf die Kirche und ihre Gläubigen.

Heute sind in der Ukraine gegen eine ganze Reihe von Bischöfen, Priestern und Laien unserer Kirche Strafverfahren eingeleitet worden. Der Vorsteher der Swjatogorsker Lawra, Metropolit Arsenij, der Vorstgeher der Mariä-Entschlafens-Kiewer Höhlenlawra, Metropolit Pawel, sowie Metropolit Longin von Bantscheny, weitere Oberhirten und auch ich selbst sind Beschuldigte in Strafverfahren geworden. Metropolit Arsenij befand sich länger als ein Jahr unter schweren Bedingungen in Untersuchungshaft, und zwar im Rahmen einer vorbeugenden Maßnahme, also faktisch ohne nachgewiesene Schuld. Gegen mich wurden fünf Strafverfahren wegen Äußerungen zu meiner theologischen Grundhaltung und meinen Überzeugungen eröffnet. In erster Linie werde ich vor Gericht gestellt wegen meiner Äußerungen darüber, dass die Handlungen des Patriarchen Bartholomäus und der von ihm in der Ukraine errichteten „Heiligsten Kirche der Ukraine" nicht den Kanones entsprechen, sowie wegen meiner Verurteilung aggressiver Handlungen dieser Struktur gegenüber den Gläubigen der UOK.

Metropolit Feodosij (Snigirew)
Metropolit Feodosij (Snigirew)

Gleichzeitig werden heute gegen unseren Klerus rechtswidrige und diskriminierende Mobilisierungsmaßnahmen angewandt. Unsere Bischöfe und Priester werden einfach auf der Straße aufgegriffen und an die Front gebracht. Im Grunde findet eine physische Vernichtung des Klerus statt. Die Geistlichen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche sind vollständig jener rechtlichen Garantien beraubt, die für den Klerus anderer Konfessionen fortbestehen. Zugleich haben die Kleriker der „Heiligsten Kirche der Ukraine" - der OKU - und anderer Konfessionen das Recht, für ihre Kleriker einen Aufschub vom Militärdienst zu beantragen. Ausschließlich unsere Geistlichen sind dieses Rechts beraubt; deshalb werden sie an der Front einfach getötet oder vor die Alternative gestellt, gegen ihr Gewissen zu handeln und in eine andere Konfession, die vom Patriarchen Bartholomäus gegründete OKU, überzutreten.

Heute sind wir außerdem Zeugen von Versuchen, die Ukrainische Orthodoxe Kirche auf rechtlichem Wege zu liquidieren. Gegenwärtig läuft ein Gerichtsverfahren gegen die Kiewer Metropolie der UOK mit dem Ziel, sie als juristische Person aufzulösen. Verfahren zur rechtlichen Zerschlagung der monastischen Gemeinschaften der Lavra von Počaev und des Klosters von Kremenez werden vorbereitet. Es geht nicht einfach um juristische Streitigkeiten - es geht um das Schicksal ältester geistlicher Zentren, die über Jahrhunderte das geistliche Leben unseres Volkes geprägt haben.

Vor Ort ist die Lage nicht weniger beunruhigend. Im ganzen Land kommt es zur gewaltsamen Übernahme von Kathedralen, Kirchen und Klöstern. Gläubige unserer Kirche werden geschlagen und eingeschüchtert. Ältere Menschen, Frauen und Geistliche erleiden schwere körperliche Verletzungen.

Ich kann darüber nicht abstrakt sprechen. Bei der gewaltsamen Übernahme der Erzengel-Michael-Kathedrale in Tscherkassy wurde ich selbst Opfer körperlicher Gewalt. Man schlug mich, auch auf den Kopf, als ich versuchte, Blutvergießen zu verhindern und die Menschen zu beruhigen. Ich erlitt eine Wirbelsäulenverletzung und eine Gehirnerschütterung. Wie Fachleute später sagten, bewahrte mich bei dem Schlag mit einem Knüppel auf den Kopf nur meine monastische Kopfbedeckung vor irreparablen Folgen. Videos dieser Ereignisse sind im Internet zu finden. Auch viele unserer Gemeindemitglieder wurden an diesem tragischen Tag verletzt. Einige erlitten schwere Verletzungen am Kopf und ihren Gliedmaßen und mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden; einem Priester wurden mit einem einzigen Schlag gleich sechs Zähne ausgeschlagen. Extremisten schossen innerhalb der Kathedrale mit traumatischen Waffen auf gläubige Menschen. Die Folgen der Verletzungen machen sich bei unseren Gemeindemitgliedern bis heute bemerkbar.

Für einen Christen ist eine Kirche nicht einfach nur ein Gebäude. Sie ist ein Ort der sakramentalen Verbindung des Menschen mit Gott durch die Mysterien. Es ist der Ort, an dem ein Mensch die Taufe empfängt, beichtet und die Kommunion empfängt, getraut wird und seine Angehörigen auf ihrem letzten Weg begleitet. Deshalb ist jede gewaltsame Übernahme einer Kirche eine tiefe menschliche Tragödie.

Frage 2:

Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen der gegenwärtigen Ereignisse?

Metropolit Feodosij:

Ich neige nicht dazu, wie viele andere die Hauptursache der gegenwärtigen Ereignisse ausschließlich im begonnenen Krieg zu sehen. Nein. Druck auf unsere Kirche gab es in stärkerem oder geringerem Maße seit 1992 immer. Er ließ zeitweise nach und verschärfte sich mit den Veränderungen des politischen Klimas erneut. Zu Beginn des Krieges im Jahr 2022 waren auf staatlicher Ebene bereits mehrere kirchenfeindliche Gesetze verabschiedet worden, die UOK war einer ständigen Hetze in den Medien ausgesetzt, und Amtsträger verschiedener Ebenen unterstützten immer häufiger die Übernahmen unserer Kirchen in den Regionen oder beteiligten sich sogar persönlich daran. All dies begann also nicht erst mit dem Krieg, und der Beginn der Kampfhandlungen kann keineswegs als Ursache der Verfolgung der Kirche bezeichnet werden. Der Beginn des Krieges wurde lediglich zum Katalysator und Beschleuniger der Dynamik der Verfolgung der Ukrainischen Orthodoxen Kirche. Jeder, der diesen Prozess unvoreingenommen studiert, kann sich davon selbst überzeugen, wenn er die Chronologie dieser Problematik untersucht.

Persönlich denke ich, dass wir auch ohne den Krieg zu der akuten Phase der Verfolgung der UOK gelangt wären, die wir heute erleben - nur etwas später, vielleicht in drei bis fünf Jahren. Es war unvermeidlich.

Doch der Beginn der Kampfhandlungen hat zweifellos seine Rolle gespielt. Der Krieg schaltete bei unseren Gegnern die letzten moralischen Sicherungen ab, ließ sie die Masken herunternehmen und gab ihnen freie Hand. Wie ein hochrangiger staatlicher Funktionär in Tscherkassy am Vorabend der blutigen gewaltsamen Übernahme unserer Kathedrale sagte: "Was soll das Gerede von Gesetz? Der Krieg wird alles abschreiben."

Es liegt auf der Hand, dass gesellschaftliche Katastrophen und vor allem militärische Handlungen unvermeidlich Schmerz, Angst und Zorn hervorbringen. Das ist natürlich. Und in Zeiten tragischer Ereignisse finden sich im Leben eines jeden Volkes stets Kräfte, die versuchen, diesen menschlichen Schmerz und Zorn für eigennützige Zwecke auszubeuten. Eine der größten Gefahren der Kriegszeit war stets die Übertragung des Hasspotentials auf die eigenen Mitbürger - die sogenannte „Hexenjagd".

Und leider ist genau dies in der heutigen Ukraine mit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche gemacht worden. Da unsere Kirche mit der gesamten Russischen Orthodoxen Kirche ein gemeinsames Taufbecken hat, eine gemeinsame Geschichte und dieselben Heiligen teilt und daher naturgemäß eine historische und kanonische Verbindung mit ihr bewahrt, wurde offenbar von jemandem im Land entschieden, diese rein kirchliche Verbindung als Grund und Anlass zu benutzen, unserer Kirche während des Krieges politische Illoyalität und Feindseligkeit gegenüber dem Staat Ukraine vorzuwerfen. Ohne viele Worte wurden wir nach stalinistischer Art einfach zu „Volksfeinden" erklärt.

Für jeden vernünftig denkenden Menschen ist offensichtlich, dass die gesetzliche Beschuldigung der führenden Konfession eines Landes wegen derartiger „Verbrechen" völliger juristischer Unsinn ist. Es handelt sich um nichts anderes als die Auferlegung kollektiver Verantwortung für ein nicht nachgewiesenes Vergehen auf Millionen völlig unschuldiger Bürger des Landes. Dies verletzt die Rechte und Freiheiten von Millionen Gläubigen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche und stellt sie außerhalb des Schutzes von Gesetz und Verfassung. 

In einem Rechtsstaat darf es so etwas nicht geben. Der Staat muss politische Fragen von Fragen religiöser Überzeugung unterscheiden. Die kanonische Zugehörigkeit gehört in den Bereich der Theologie und des kirchlichen Lebens, nicht in den Bereich der nationalen Sicherheit. 

Im Laufe der gesamten Geschichte unterhielten Kirchen verschiedener Länder, die sich zur traditionellen Ekklesiologie bekennen, kanonische Beziehungen über Staatsgrenzen hinweg und brachen sie auch in Kriegszeiten nicht ab. Das internationale Recht schützt diese Realität. Die Freiheit des religiösen Bekenntnisses besteht (als Rechtsprinzip) eben deshalb, damit Staaten nicht darüber entscheiden, welche kirchlichen Beziehungen zulässig sind und welche nicht.

Der Krieg kann grundlegende Menschenrechte nicht außer Kraft setzen.

Meiner Ansicht nach hat unser Staat die Grenze zwischen Glaubensfragen und politischen Fragen rechtswidrig verwischt. Infolgedessen wurde die Kirche zu einem bequemen Objekt gemacht, auf das die Gesellschaft ihre Ängste, Enttäuschungen und ihren Zorn projiziert.

Das ist ein sehr gefährlicher Weg. Die Geschichte hat vielfach gezeigt, dass sobald der Staat beginnt, Religionsgemeinschaften in „richtige“ und „falsche" einzuteilen, eine Gesellschaft am Ende einen sehr hohen Preis zahlt.

Frage 3:

Sie vertreten die Position, die kanonische Verbindung der Ukrainischen Orthodoxen Kirche mit der Russischen Orthodoxen Kirche zu bewahren, und setzen die liturgische Kommemoration Seiner Heiligkeit Patriarch Kirill von Moskau und der ganzen Rus` fort. Eine Reihe von Bischöfen und Gläubigen in der Ukraine ist jedoch der Ansicht, dass die Ukrainische Orthodoxe Kirche nach den im Jahr 2022 in der "Feofanija" gefassten Beschlüssen keine kanonische Verbindung mehr mit der Russischen Orthodoxen Kirche habe. Wie antworten Sie auf diese Auffassung?

Metropolit Feodosij:

Zunächst möchte ich sagen, dass die Auslegung der Beschlüsse des außerordentlichen Konzils der UOK vom 27. Mai 2022 in Feofanija die Kirche nicht spalten darf.

Die dort gefassten Beschlüsse spiegelten die außergewöhnlichen Umstände des Kriegsrechts sowie das Bestreben der Ukrainischen Orthodoxen Kirche wider, unter den Bedingungen des Krieges ihre Selbständigkeit in Fragen der inneren Verwaltung hervorzuheben. Diese Selbständigkeit bestand ohnehin bereits auf Grundlage der Urkunde Seiner Heiligkeit Patriarch Alexij II. von Moskau und der ganzen Rus aus dem Jahr 1990. Für bestimmte Kräfte in der ukrainischen Gesellschaft erschien sie jedoch nicht als offenkundig genug, und diese Kräfte spielten jahrzehntelang damit. Mit Beginn des Krieges wurden diese Spekulationen zur Grundlage für die Eskalation der Verfolgung unserer Kirche. Gerade deshalb wurde auf dem Konzil in Feofanija erneut versucht, die administrative, „ideologische“ und, wenn Sie so wollen, politische Unabhängigkeit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche hervorzuheben. Zumindest haben ich und sehr viele andere Teilnehmer des Konzils seine Beschlüsse genau so verstanden und aufgenommen - nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Wenn wir jedoch nicht über die administrative, sondern über die kanonische Seite der Frage sprechen, muss man verstehen, dass epochale Fragen des Daseins einer Kirche mit einer tausendjährigen Geschichte, etwa die ihrer kanonischen Einheit, nicht auf außerordentlichen „Kriegskonzilien" entschieden werden können. Man kann die jahrhundertealte Überlieferung der Kirche und die geistliche Gemeinschaft von Generationen von Heiligen nicht mit einem Federstrich unter dem Einfluss einer momentanen politischen Konjunktur oder selbst der stärksten Emotionen auslöschen. Die Kirche lebt nach den heiligen Kanones, und diese besitzen eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie bleiben unabhängig von den historischen Umständen unverändert.

Über Jahrhunderte hat die Orthodoxe Kirche Mechanismen entwickelt, die die kirchliche Gemeinschaft sowie die jurisdiktionelle und kanonische Ordnung ihres Daseins regeln. Und ein Krieg, so schrecklich er auch sein mag, hebt diese Grundsätze nicht auf.

Es gibt kirchliche Regeln, die Fragen kanonischer Beziehungen zwischen Kirchen und Hierarchen sowie die Möglichkeiten einer Aussetzung oder eines Abbruchs solcher Beziehungen regeln. Diese Normen lassen keine willkürlichen Entscheidungen zu, die auf politischen Meinungsverschiedenheiten oder gesellschaftlichem Druck beruhen. Darüber hinaus legt jeder Bischof vor seiner Weihe ein eidliches Versprechen ab, von diesen Normen selbst unter allgemeinem Druck und unter Todesdrohung nicht abzuweichen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass kanonische Beziehungen zwischen Hierarchen, die im satzungsgemäßen liturgischen Gedenken eines Patriarchen, Metropoliten oder Bischofs zum Ausdruck kommen, keineswegs eine Übereinstimmung ihrer politischen Positionen oder eine militärische Unterstützung bedeuten. Das sind völlig verschiedene Bereiche. Politik ist Politik, Kanonistik ist Kanonistik. Indes, gerade politische Solidarität, die angeblich in der kanonischen Gemeinschaft zum Ausdruck komme, versucht man uns heute anzulasten, um die Verfolgung der Ukrainischen Orthodoxen Kirche zu rechtfertigen. So funktioniert das jedoch nicht. Man kann bestimmten Aussagen oder Handlungen eines Hierarchen oder des leitenden Oberhauptes einer Kirche zustimmen oder widersprechen - solche Meinungsverschiedenheiten hat es in der gesamten Kirchengeschichte gegeben - und dennoch kanonische Beziehungen bewahren. Die Kirche verstand es immer, theologische, kanonische und politische Kategorien voneinander zu unterscheiden. Es überrascht nicht, dass Politiker heute diese Unterscheidung nicht vornehmen können. Erstaunlich ist es, wenn moderne Theologen diese Unterscheidung nicht verstehen können.

Die Kirche kann nicht bei einem Wechsel der politischen Lage ihre Ekklesiologie ändern. Wenn wir uns heute zu sehr auf politische Spiele einlassen und zulassen, dass die Politik unsere kanonische Identität bestimmt, wird die Politik morgen unsere Glaubenslehre bestimmen und übermorgen sogar unser Recht zu glauben.

Wir dürfen niemals vergessen, dass unsere Mission in dieser Welt weder politisch noch staatlich noch national ist. Auch wenn all dies ebenfalls seine Bedeutung hat, sind wir in erster Linie dazu berufen, das Volk zum Heil zu führen, das Evangelium zu verkünden, die heilbringenden Mysterien zu vollziehen und die Überlieferung sowie die Einheit der Kirche zu bewahren. Dafür wurden uns von den heiligen Vätern die kanonischen Regeln überliefert. Mit der Zeit werden sowohl der Herr als auch unsere Nachkommen uns nicht nach unseren momentanen politischen Ansichten oder unserer Treue zu vergänglichen menschlichen Doktrinen fragen, sondern danach, ob wir dem Evangelium, der kirchlichen Überlieferung und jener Ordnung treu geblieben sind, die uns von den Vätern anvertraut wurde.

Dabei begegne ich der Position jener meiner Mitbrüder im Bischofsamt mit Verständnis, die die Beschlüsse des Kriegskonzils von Feofanija anders auslegen. Es ist derzeit sehr schwer, in der Ukraine zu leben und gegenüber allem, was um einen herum geschieht, unvoreingenommen zu bleiben. Doch vorerst sollte dies eine innerkirchliche Diskussion der Ukrainischen Orthodoxen Kirche bleiben, die wir, davon bin ich überzeugt, während des tobenden äußeren Sturms nicht über die Grenzen der Kirche hinaustragen sollten. Es wird eine friedliche Zeit kommen, und ohne die Last von Krieg und Verfolgung wird die Kirche die verbliebenen Unklarheiten klären und alle Widersprüche auf kanonischem Wege und entsprechend der bestehenden kirchlichen Ordnung beilegen können. Die kanonische Ordnung darf nicht verletzt werden - das ist eine schwere Sünde, die zur Spaltung führt.

Sehr treffend hat Metropolit Mark von Berlin und Deutschland diese Situation kürzlich beschrieben: „In der Ukraine erkennen ernsthafte Bischöfe, dass sie sich jetzt gewissermaßen von der Russischen Kirche gelöst haben - das kann nicht als endgültige Entscheidung angesehen werden. Es ist nur eine vorübergehende Erscheinung, die der Zustimmung oder Ablehnung durch ein Konzil (der ROK) bedarf, sobald ein solches möglich sein wird. Solche Dinge werden nicht ohne konziliare Entscheidung getan."

Frage 4

Ist die kirchliche Situation in der Ukraine eine Krise, die aus dem Kampf zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Phanar um die Jurisdiktion entstanden ist? Oder gibt es einen tieferen Hintergrund, der auch den Bereich der Dogmatik berührt?

Metropolit Feodosij:

Natürlich gibt es einen solchen Hintergrund. Und gerade dieser Hintergrund ist nicht nur der eigentliche Ursprung der Krise, sondern auch ein realer Stein des Anstoßes für die gesamte orthodoxe Welt. Nur außenstehende, nicht wirklich kirchlich denkende Beobachter können in dem Geschehen lediglich irgendeinen „Konflikt" um eine lokale Jurisdiktion in der Ukraine sehen.

Bei der Beantwortung dieser Frage werde ich lediglich wiederholen, was die Grundlage für das Verständnis der kanonischen Situation in der Ukraine bildet und deshalb von mir bereits mehrfach gesagt wurde. Aus der Sicht des kanonischen Rechts ist die Lage so, dass es in der Ukraine gegenwärtig eine einzige Orthodoxe Kirche gibt - heute trägt sie den Namen Ukrainische Orthodoxe Kirche. Sie ist die historische Kirche auf den Gebieten, die zur heutigen Ukraine gehören, und besteht hier seit mehr als tausend Jahren. Unsere Kirche ist die unmittelbare Rechtsnachfolgerin der Kiewer Metropolie der Russischen Orthodoxen Kirche seit der Taufe der Rus im Jahr 988 durch den heiligen Fürsten Wladimir.

Während der vorübergehenden zweihundertjährigen Teilung der Russischen Kirche in zwei Teile trug sie anschließend den Namen Westrussische Metropolie, im 20. Jahrhundert Ukrainisches Exarchat der Russischen Orthodoxen Kirche, und seit dem 27. Oktober 1990 bis heute heißt sie Ukrainische Orthodoxe Kirche und besitzt den Status einer selbstverwalteten Kirche mit weitgehender Autonomie. Dieser heutige kanonische Status unserer Kirche wurde durch die Beschlüsse des Bischofskonzils der Russischen Orthodoxen Kirche und durch die Urkunde Seiner Heiligkeit Patriarch Alexij II. von Moskau und der ganzen Rus bestimmt.

Die apostolische Sukzession der Ukrainischen Orthodoxen Kirche wird von allen orthodoxen Lokalkirchen der Welt anerkannt, und die Kanonizität ihrer Hierarchie sowie die Wirksamkeit der in ihr vollzogenen Mysterien werden in der orthodoxen Welt von niemandem in Zweifel gezogen. Dagegen wirft die Kanonizität der Weihen in der sogenannten „Heiligsten Kirche der Ukraine", der OKU, gelinde gesagt eine Reihe begründeter Zweifel auf. Und genau dies ist der wichtigste Stein des Anstoßes bei der Überwindung der Kirchenspaltung in der Ukraine. Diese Frage hat sowohl unter den Hierarchen anderer orthodoxer Lokalkirchen als auch zwischen ganzen Lokalkirchen zu grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten geführt. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass sie zu einer globalen innerorthodoxen Krise geführt hat, die Ursache einer neuen großen Spaltung in der Weltorthodoxie werden könnte. Das ist jener grundsätzliche und explosive „Hintergrund", nach dem Sie gefragt haben.

Das christliche Gewissen von Millionen orthodoxer Laien, Geistlicher und Bischöfe auf der ganzen Welt kann sich nicht damit abfinden, dass die gestrigen Schismatiker ohne Reue und ohne rechtmäßige Weihen durch einen einzigen Federstrich am Phanar plötzlich die rechtmäßige kanonische Kirche auf dem Gebiet eines ganzen orthodoxen Landes - der Ukraine - ersetzt haben. Darüber hinaus begannen sie, diese historische Kirche mit blutigen Methoden zu zerstören und dafür die Möglichkeiten des Staatsapparats zu nutzen.

Frage 5:

Halten Sie Patriarch Bartholomäus für verantwortlich für die tragischen Ereignisse in der Ukraine im Zusammenhang mit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche?

Metropolit Feodosij:

Ich möchte keinerlei moralisches Urteil über die Person des Patriarchen selbst fällen, zumal wir uns persönlich kennen und die Erinnerung an unsere Begegnungen bei mir nur gute und warme Eindrücke hinterlassen hat. Außerdem - und vor allem - darf man nicht vergessen, dass der Patriarch, solange er lebt und weiterhin sein hohes Amt ausübt, jederzeit die Möglichkeit hat, seinen ukrainischen Fehler zu korrigieren und dessen Folgen möglichst schmerzlos zu beseitigen. 

Wenn wir jedoch, ohne ein voreiliges menschliches Urteil über die Person des Patriarchen selbst zu fällen, über die heutige kanonische Krise in der Weltorthodoxie und über die blutigen Verfolgungen sprechen, in die die Ukrainische Orthodoxe Kirche hineingestoßen wurde, dann steht für mich außer Zweifel, dass all dies gerade auf die kurzsichtige und selbstgewisse Entscheidung zurückzuführen ist, die 2018 am Phanar getroffen wurde.

Mit der Entscheidung zur Gründung der „Orthodoxen Kirche der Ukraine" schuf Patriarch Bartholomäus eine äußerst problematische Situation, da die Ukraine kanonisches Territorium eines anderen Patriarchats ist. Konnte der Patriarch die tragischen Folgen seines Handelns vorhersehen und verstehen - was letztlich mit den Kirchen der UOK, ihren Gläubigen und schließlich auch mit der Weltorthodoxie geschehen würde? Ich denke, der Patriarch konnte es ahnen. Für diejenigen, die mit dem Thema vertraut waren, war die Situation bereits damals offensichtlich. Darüber hinaus kamen zu jener Zeit sowohl Mitglieder des Heiligen Synods der UOK als auch eine große Delegation von Gläubigen und Geistlichen unserer Kirche an den Phanar und übergaben Patriarch Bartholomäus Hunderttausende Unterschriften mit der Bitte, in der Ukraine keine neue Jurisdiktion zu errichten, zumal mit einer solchen Vorgeschichte. Die Entscheidung wurde dennoch getroffen, worauf eine schwere Eskalation mit massenhaften gewaltsamen Übernahmen von Kirchen, Misshandlungen von Gläubigen, Gerichtsverfahren gegen Geistliche und dem Versuch folgte, die Ukrainische Orthodoxe Kirche selbst zu liquidieren.

Auch heute noch könnte Patriarch Bartholomäus eingreifen und auf seine Kleriker in der Ukraine einwirken, die in den meisten Fällen die Initiatoren der Übergriffe sind. Es würde genügen, den Segen zur Einstellung der Aggression zu erteilen, die Übernahme von Kirchen und die Misshandlung von Gläubigen zu verbieten. Wenn dies nicht verstanden wird, könnten gegen die aggressivsten Aktivisten aus den Reihen ihres Klerus kanonische Maßnahmen ergriffen werden. Doch leider geschieht dies nicht.

Als ich selbst von Vertretern der „Heiligsten Kirche der Ukraine" geschlagen wurde, wandte ich mich im letzten Augenblick, bevor ich zusammen mit dem Klerus und den Gläubigen aus meiner Kathedrale vertrieben wurde, unmittelbar aus dem Altarraum unserer von bewaffneten Banditen belagerten Kathedrale in Tscherkassy an Patriarch Bartholomäus. Dieser Appell wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und ist im Internet verfügbar, blieb jedoch ohne Antwort und ohne Reaktion des Patriarchen. Sehr schade.

Frage 6:

Sie treten bei den Vereinten Nationen für die Rechte der UOK ein. Wie wirksam ist diese Tätigkeit, und findet sie Unterstützung beziehungsweise Resonanz bei offiziellen internationalen Institutionen?

Metropolit Feodosij:

Seit mehreren Jahren trete ich auf Einladung der Menschenrechtsorganisation "Public Advocacy" bei den Vereinten Nationen auf. UN-Sonderberichterstatter veröffentlichten ein Dokument, in dem sie ausführlich darlegten, weshalb strafrechtliche Verfolgungen von Hierarchen der UOK wegen ihrer Äußerungen nicht mit dem internationalen Recht vereinbar und rechtswidrig seien. Die Vereinten Nationen veröffentlichten sogar eine besondere Pressemitteilung, in der sie die Handlungen des heutigen ukrainischen Staates als „kollektive Bestrafung" bezeichneten und die Verfolgung der UOK eindeutig als unzulässig bewerteten. Auch in Dokumenten des UN-Menschenrechtsausschusses findet sich eine entsprechende Bewertung. Die Ukraine setzt diese Entscheidungen der Vereinten Nationen jedoch nicht um; in der Ukraine besteht weiterhin ein beispielloser politischer Druck auf das Justizsystem, weshalb es unmöglich ist, Gerechtigkeit zu erlangen. Auch die Institution des Ombudsmanns funktioniert nicht. Ich sage Ihnen dies aus meiner persönlichen Erfahrung und aus der Erfahrung meiner Diözese.

Jetzt ist es äußerst wichtig, den internationalen Druck auf Vertreter der Staatsgewalt in unserem Land zu verstärken, die meinen, man könne die in unserer Verfassung garantierten Menschenrechte in der Ukraine „auf Pause stellen". So hat sich der Präsident selbst geäußert - was soll man dann von den übrigen Amtsträgern erwarten? Wer ihnen das Recht gegeben hat, so zu denken und auf dieser Grundlage einen Genozid an der größten Religionsgemeinschaft des Landes zu betreiben, bleibt ein Rätsel.

Deshalb wäre es meiner Meinung nach für Gläubige aus den Ländern Europas heute sehr wichtig, christliche Solidarität zu zeigen und sich stärker für die Rechte der verfolgten Christen in der Ukraine einzusetzen. Dafür wäre es richtig, menschenrechtliche Unterstützung in europäischen Kreisen zu suchen, die heute unmittelbaren Einfluss auf die ukrainischen Behörden haben. In diesem Zusammenhang kann die Rolle der Gläubigen in Europa sehr bedeutend sein, weil gerade sie auf ihre Politiker einwirken können, um die Orthodoxen in der Ukraine zu schützen. Leider schweigen die europäischen Abgeordneten bislang weiterhin zu den Problemen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche.

Frage 7:

Was möchten Sie den Gläubigen in Deutschland sagen?

Metropolit Feodosij:

Ich möchte daran erinnern, dass während der zweiten Welle der Kirchenverfolgung in der Sowjetzeit, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der UdSSR erneut Kirchen und Klöster geschlossen und mitunter auch zerstört wurden - so, wie es heute in der Ukraine geschieht. Die Rechte der Gläubigen wurden mit Füßen getreten. Damals wandte sich unsere Kirche, manchmal offen, manchmal nicht öffentlich, um Unterstützung an Kirchen und religiöse Organisationen im Ausland, damit diese nach ihren Möglichkeiten Hilfe leisteten und einen gewissen diplomatischen und öffentlichen Druck auf die gottfeindlichen Behörden in der Sowjetunion ausübten, um die Schließung von Kirchen zu verhindern. Dank dieser Solidarität europäischer Gläubiger mit den verfolgten Orthodoxen und in hohem Maße dank ihrer offenen oder stillen Unterstützung konnten zahlreiche Kirchen und Klöster bewahrt werden, und die Gottesdienste wurden dort nicht eingestellt.

Deshalb möchte ich die Gläubigen in Deutschland bitten, auch heute ihre Rechte als Bürger der Europäischen Union zu nutzen, um die europäischen politischen Institutionen auf die Probleme der Gewissens- und Religionsfreiheit in der Ukraine aufmerksam zu machen. In Europa gibt es eine Reihe von Kommissionen und Ausschüssen der EU, deren Zuständigkeit die Überwachung der Einhaltung der Menschenrechte umfasst und die auf massenhafte Verletzungen der Rechte der Gläubigen in unserem Land reagieren könnten. Ebenso wäre eine Reaktion der Mitglieder des Europäischen Parlaments auf diese Probleme hilfreich.

Ebenso bitte ich die Menschenrechtsorganisationen in Deutschland, sich in den Schutz der Rechte der Gläubigen einzuschalten und ihre Möglichkeiten zu nutzen, um die geschilderten Probleme öffentlich bekannt zu machen und weitere Menschenrechtsmechanismen in Gang zu setzen.


Anfragen an den Autor des Interviews: cosolution@proton.me

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