Das Erste Konzil von Nicäa in Hymnographie und Ikonographie
- Der Bote
- 3. Okt.
- 14 Min. Lesezeit
Autor: Dr. Anastasia Limberger
Nicäa – Konzil als Drama in Wort und Bild
Als sich im Jahr 325 in Nicäa Bischöfe aus dem ganzen Römischen Reich versammelten, ging es um nicht weniger als die Grundfesten des christlichen Glaubens. Der Streit um Arius, der Jesus Christus nicht als wahren Gott anerkennen wollte, spaltete Gemeinden und stellte die Einheit der Kirche infrage. Auf dem Konzil fiel eine Entscheidung, die Geschichte schrieb: Das Bekenntnis von der Wesenseinheit des Sohnes mit dem Vater.
Zum Kern des christlichen Glaubens gehört die nicänische Formulierung im Glaubensbekenntnis, dass wir an Jesus Christus glauben, “den dem Vater Wesenseinen” – so singen wir es auch bis heute in jeder Liturgie. Dies ist ein theologischer Schlüsselsatz, geboren aus erbittertem Streit, festgehalten in einem feierlichen Konzil.
Doch die Erinnerung an dieses Konzil blieb nicht allein Sache der Geschichtsbücher. In den Jahrhunderten danach wurde Nicäa in der Orthodoxie immer wieder neu inszeniert – in Gottesdiensten und Hymnen ebenso wie in Ikonen und Fresken. Die Väter von Nicäa werden als unerschütterliche Helden verehrt, die in geistlichem Kampf Häresie und Irrtum niederrangen. Ikonen und Wandmalereien zeigen ihre feierliche Versammlung, während der Häretiker Arius als Feind der Kirche entlarvt und vertrieben wird. Das Konzil wurde allerdings auch zum Sinnbild eines Triumphes: der Wahrheit über die Lüge, der Einheit über die Spaltung, der Rechtgläubigkeit über den Irrtum.
Hymnographie – das Konzil als gesungenes Bekenntnis
In der Orthodoxie lebt das Erste Konzil von Nicäa nicht nur in Büchern, sondern vor allem im Gottesdienst weiter. Seit dem 9. Jahrhundert hat es seinen festen Platz im Jahreslauf der Kirche. Am siebten Sonntag nach Ostern gedenken wir bis heute der „318 Väter des ersten Konzils von Nicäa“. Damit wird das historische Ereignis jedes Jahr liturgisch neu vergegenwärtigt – nicht als bloße Erinnerung, sondern als geistliche Wirklichkeit.
Besonders deutlich wird dies in den Hymnen, die an diesem Sonntag und an den Festtagen großer Kirchenväter gesungen werden. Hier tritt das Konzil nicht als trockene Versammlung von Theologen auf, sondern als dramatischer Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum. Die Väter erscheinen als Zeugen des Glaubens, die mit Demut und Standhaftigkeit der Verwirrung entgegentreten.
Ein Beispiel dafür ist ein Troparion auf Athanasius den Großen, in seinem Gottesdienst am 18. Januar (Menaion, 18. Januar, Orthros, Kathisma):
Τὴν τῶν αἱρέσεων πλάνην διήλεγξας, καὶ τὴν ὀρθόδοξον πίστιν ἐτράνωσας, ὡς Ἱεράρχης εὐσεβής, ἐκήρυξας ἐν τῷ κόσμῳ, μίαν τὴν Θεότητα, ἐν Τριάδι γνωρίζεσθαι, φύσει ὁμοούσιον, καὶ προσώποις ἀσύγχυτον· διὸ καὶ συνελθόντες ἐν πίστει, Ἀθανάσιε Πάτερ, τελοῦμεν τὴν μνήμην σου. | Du hast den Irrtum der Häresien widerlegt und den orthodoxen Glauben gestärkt. Als frommer Hierarch hast du die eine Gottheit, die in der Dreiheit erkannt wird, in der Welt verkündet – in der Natur wesenseins und in den Personen unvermischt. Darum begehen wir, im Glauben versammelt, o Vater Athanasios, dein Gedächtnis.[1] |
In aller Dichte wird hier all das Ringen um Begrifflichkeiten zusammengefasst: „eine Gottheit“, „Dreiheit“, „Natur“, „Person“ und „wesenseins“.
Außerdem wird Athanasius der Große für seine Tugend, sein Ausharren und seine Geduld gelobt, dank derer er “seine Herde” vor der gottlosen Verführung des Arius errettet (Vesper, 1. Sticheron zum „Herr ich rufe zu Dir“).
Διωγμοὺς ἐκαρτέρησας, καὶ κινδύνους ὑπέμεινας, θεορρῆμον Ὅσιε Ἀθανάσιε, ἕως τὴν πλάνην ἐξώρισας, Ἀρείου τὴν ἄθεον, καὶ τὴν ποίμνην τῆς αὐτοῦ, ἀσεβείας διέσωσας, ὁμοούσιον, τῷ Πατρὶ δογματίσας τὸν Υἱόν τε, καὶ τὸ Πνεῦμα ὀρθοδόξως, ἱερουργὲ ἱερώτατε. | Verfolgungen hast du standhaft ertragen und Gefahren überdauert, gottberedter heiliger Athanasius, bis du den gottlosen Irrtum des Arius verbannt und deine Herde aus der Gottlosigkeit gerettet hast, indem du orthodox gelehrt hast, dass der Sohn und der Geist dem Vater wesenseins sind, höchst heiliger Weihewirker. |
Den Zusammenhang zwischen der Menschwerdung Gottes und der Erlösung des Menschen behandeln zahlreiche Hymnen ebenfalls. Im Gottesdienst zu Ehren des Heiligen Paulos von Konstantinopel, des nicänischen bzw. anti-arianischen Bischofs von Konstantinopel in den 30er und 40er Jahren des 4. Jahrhunderts, heißt es beispielsweise:
Menaion, 6. November, Orthros, Kanon, Ode 3.
Υἱοθετηθεὶς χάριτι θείᾳ, τὸν φύσει Υἱὸν Μονογενῆ, εἰς κτίσιν οὐ κατήγαγες, τὸν τῷ Πατρὶ συνάναρχον, Παῦλε τοῖς Παύλου δόγμασι, τοῦ θεοφόρου ἑπόμενος. | Durch göttliche Gnade zur Sohnschaft angenommen, hast du den der Natur nach einziggezeugten und dem Vater mitanfanglosen Sohn nicht zur Schöpfung herabgewürdigt, o Paulos, indem du den Lehren des gotttragenden Paulus gefolgt bist. |
Der Autor bezieht sich auf die Theologie des Apostels Paulus (v.a. Röm 8), auf seine Betonung der gnadenhaften Gotteskindschaft aller Gläubigen, und setzt sie in eine Dialektik mit der natur- und wesenhaften Sohnschaft Christi. Wiederum werden zentrale Begriffe des triadologischen und christologischen Diskurses fast selbstverständlich in die Dichtung eingeflochten: „der der Natur nach eingeborene Sohn“ (φύσει Υἱὸς Μονογενής), „dem Vater mitanfanglos“ (Πατρὶ συνάναρχος), „nicht zur Schöpfung herabgewürdigt“ (εἰς κτίσιν οὐ κατήγαγες).
In der Akoluthie für Gregor von Nyssa heißt es indes (Menaion, 10. Januar, Orthros, Kanon, Ode 6):
Ταπεινὸν τὸ φρόνημα, κεκτημένος πᾶσί τε πραΰς, μαχητὴς ἐδείκνυσο Γρηγόριε, πρὸς τοὺς Χριστοῦ, μειοῦν τὴν δόξαν σπουδάζοντας. | Indem du dir eine demütige Geisteshaltung aneignetest und dich als ein sanftmütiger Kämpfer für alle gezeigt hast, hast du dich all jenen entgegengestellt, die die Herrlichkeit Christi verringern wollten. |
Τὴν Ἀρείου ἔκφυλον τῆς Τριάδος, λόγῳ δαψιλεῖ, τολμηρὰν διαίρεσιν Γρηγόριε, σὺ παντελῶς, καθῄρηκας τῇ σοφίᾳ σου. | Die Fremdheit und die freche Trennung der Dreiheit des Arius hast du, Gregor, durch deinen reichen Logos und mit deiner Weisheit gänzlich niedergerissen. |
Abgesehen von der knappen dogmatischen Belehrung gegen die Häresie des Arius wird Gregor hier für seine Tugendhaftigkeit gelobt, auf deren Grundlage erst ein wahrhaftes Bekenntnis möglich sein soll: Die “demütige Geisteshaltung” und die “Sanftmut” stellen sich dem Hochmut und Aggression der Häretiker entgegen. Die Theologie wird als geistlicher Kampf verstanden, bei dem nicht nur Intellekt, sondern auch Tugend und Gnade mitwirken. Dass die Orthodoxie sich durchsetzt, ist nicht nur ein Ergebnis dialektischer Schärfe, sondern ebenso die Frucht der Frömmigkeit und kirchlichen Gemeinschaft.
Die bis hierhin zitierten Hymnen sind auf die Entfaltung der nicänischen Dogmatik ausgerichtet. Zugleich wird Arius nicht einfach als Verwirrter, sondern geradezu als Personifikation der Häresie stilisiert, dessen Thesen nicht nur zu widerlegen, sondern auch als blasphemisch und dämonisch zu bekämpfen sind.
Im Gottesdienst, der dem Fest von Nicäa selbst (7. Sonntag nach Ostern) gewidmet ist und der die triumphale Geschichte des Konzils betont, fällt dieser Fokus besonders auf. So richten sich die Stichera zu Beginn der Vesper zwar an Jesus Christus, sie sprechen aber zugleich in scharfem Ton von Arius:
Ἐκ γαστρὸς ἐτέχθης πρὸ ἑωσφόρου, ἐκ Πατρὸς ἀμήτωρ πρὸ τῶν αἰώνων, κἂν Ἄρειος κτίσμα σε, καὶ οὐ Θεὸν δοξάζῃ, τόλμῃ συνάπτων σε τὸν κτίστην, τοῖς κτίσμασιν ἀφρόνως, ὕλην πυρὸς τοῦ αἰωνίου, ἑαυτῷ θησαυρίζων· ἀλλ' ἡ σύνοδος ἡ ἐν Νικαίᾳ, Υἱὸν Θεοῦ σε ἀνεκήρυξε, Κύριε, Πατρὶ καὶ Πνεύματι σύνθρονον. | Aus dem Schoß wurdest du geboren vor dem Morgenstern, aus dem Vater ohne Mutter vor aller Zeit. Wenn auch Arius dich als Geschöpf und nicht als Gott verherrlicht, indem er dich, den Schöpfer, in vermessener Torheit den Geschöpfen gleichsetzt, so häuft er sich selbst Brennstoff für das ewige Feuer an. Doch das Konzil in Nicäa hat dich, Herr, als Sohn Gottes verkündet, dem Vater und dem Geist gleichthronend. |
Τίς σου τὸν χιτῶνα Σῶτερ διεῖλεν, Ἄρειος, σὺ ἔφης, ὁ τῆς Τριάδος, τεμὼν τὴν ὁμότιμον ἀρχὴν εἰς διαιρέσεις, οὗτος ἠθέτησέ σε εἶναι, τὸν ἕνα τῆς Τριάδος, οὗτος Νεστόριον διδάσκει, Θεοτόκον μὴ λέγειν· ἀλλ' ἡ Σύνοδος ἡ ἐν Νικαίᾳ, Υἱὸν Θεοῦ σε ἀνεκήρυξε, Κύριε, Πατρὶ καὶ Πνεύματι σύνθρονον. | Wer hat deinen Chiton zerrissen, Erlöser?Arius, du sagst es selbst – er, der die gleich-ehrenhafte Herrschaft der Dreiheit spaltete und in Trennungen teilte. Dieser hat dich aus der Dreiheit verworfen. Dieser lehrt auch Nestorius, nicht von der Gottesgebärerin zu sprechen. Doch das Konzil in Nicäa hat dich, Herr, als Sohn Gottes verkündet, dem Vater und dem Geist gleichthronend.[2] |
Κρημνῷ περιπίπτει τῆς ἁμαρτίας, Ἄρειος, ὁ μύσας τὸ φῶς μὴ βλέπειν, καὶ θείῳ σπαράττεται, ἀγκίστρῳ τοῖς ἐγκάτοις, πᾶσαν ἐκδοῦναι τὴν οὐσίαν, καὶ τὴν ψυχήν βιαίως, ἄλλος Ἰούδας χρηματίσας, τῇ γνώμῃ καὶ τῷ τρόπῳ· ἀλλ' ἡ Σύνοδος ἡ ἐν Νικαίᾳ, Υἱὸν Θεοῦ σε ἀνεκήρυξε, Κύριε, Πατρὶ καὶ Πνεύματι σύνθρονον. | In den Abgrund der Sünde stürzt Arius, der es verschmähte das Licht zu sehen. Und göttlich wird er zerfetzt vom Haken in seinem Innersten, der sein ganzes Wesen preisgibt und gewaltsam auch die Seele, ein zweiter Judas geworden an Gesinnung und an Tat. Doch das Konzil in Nicäa hat dich, Herr, als Sohn Gottes verkündet, dem Vater und dem Geist gleichthronend. |
Die Anfanglosigkeit des Sohnes und seine ontologische Unterschiedenheit von der Schöpfung wird hier eloquent und in einwandfreiem Versmaß besungen. Der dreimalig wiederholte Refrain prägt sich den Gottesdienstteilnehmern ein und verankert die Ebenbürtigkeit der göttlichen Personen fest in ihrem Bewusstsein.
Obwohl hier, wie auch in den zuvor zitierten hymnischen Panegyrika auf die Heiligen des vierten Jahrhunderts, dogmatische Formulierungen vorgebracht werden, wird zugleich ein – für mich etwas merkwürdiger – theatralischer Triumph gefeiert.
Die Parallele zwischen Arius und Judas, die im letzten Sticheron gezogen wird, ist jedoch keine Erfindung des Hymnendichters. Sie reflektiert vielmehr die mehrfach überlieferte Erzählung vom Tod des Arius: als dieser in Konstantinopel kurz davor war, von seinen Anhängern rund um Eusebius von Nikomedien rehabilitiert zu werden, starb er plötzlich auf die peinlichste Art bei der Notdurft. An dieser Stelle heißt es im Bericht:
Arius aber […] begab sich in die Latrine, wie wegen einer Notdurft des Magens, und plötzlich geschah es, wie geschrieben steht: “er stürzte vornüber und barst mitten entzwei” (Apg. 1,18), und wurde sowohl der Gemeinschaft als auch des Lebens beraubt. |
Der Vergleich zwischen Judas und Arius geht also auf Athanasius selbst bzw. die von ihm abhängenden Berichte über den Tod Arius’ zurück. Dennoch scheinen mir die Formulierungen des Sticherons, Arius sei „göttlich zerfetzt“ und ein „zweiter Judas an Gesinnung und Tat“, auch ein Stilmittel der theatralischen Übertreibung zu sein.
Der Häretiker erscheint jedenfalls nicht bloß als Irrender, sondern als Feind – als jemand, der das Gewand Christi zerreißt, der sich selbst der Verdammnis überantwortet und mit Judas verglichen wird. Die Abgrenzung gegen den dogmatischen Irrtum wird zu einer Polemik, die wohl auch der emotionalen Mobilisierung und kollektiven Identitätsstiftung dient.
Klosterregeln und der „Fluch der 318 Väter“
Dass das Konzil von Nicäa mehr war als eine theologische Auseinandersetzung, zeigt sich auch an einer ganz anderen Stelle: in einer ganzen Reihe von Klosterregeln, den sogenannten Typika. Diese Ordnungen legen bis ins Detail fest, wie ein Kloster leben soll – von der Liturgie über die Mahlzeiten bis hin zum Besitz.
Seit dem 11. Jahrhundert finden wir in vielen dieser Dokumente am Ende eine eindringliche Warnung: Wer die Stiftung oder Ordnung dieses Klosters verletzt, so heißt es, ziehe auf sich den „Fluch der 318 Väter von Nicäa“. Und nicht nur das: Er werde mit Judas, dem Verräter, gleichgesetzt.
Ein Beispiel stammt von Ioannes Xenos, der 1027 auf Kreta ein Kloster gründete. In seinem Testament schreibt er, jeder, der den Besitz des Klosters antasten wolle – sei er Kaiser, Patriarch oder Bischof –, solle verflucht sein „mit den Anathemen der 318 Väter“ und das Schicksal des Judas teilen. Ähnlich drückt sich der byzantinische Beamte Michael Attaleiates aus, als er 1077 ein Armenhaus stiftete. Auch er warnt: Wer die Regeln missachte, werde mit Judas zu den Feinden Christi gezählt. Und der berühmte Heerführer Gregorios Pakourianos, Stifter eines Klosters in Bulgarien, rief denselben Fluch auf alle herab, die seine Stiftung gefährden sollten.
Warum gerade die Väter von Nicäa? Offenbar verkörperten sie für die byzantinische Kirche die höchste Autorität. Ihr Konzil galt als unerschütterliche Grundlage der Orthodoxie, und ihr Urteil besaß Gewicht weit über die Theologie hinaus. Wer also gegen Klosterordnungen verstieß, stellte sich – so die Logik dieser Texte – nicht nur gegen den Stifter oder die Mönche, sondern gegen die Väter von Nicäa selbst.
Die Verbindung zu Judas und Arius ist dabei mehr als eine rhetorische Figur. Sie macht deutlich: Verrat an Christus und Verfälschung des Glaubens gehören zusammen. Und wer sich der kirchlichen Ordnung widersetzt, reiht sich in diese traurige Linie ein.
Ich gebe zu, dass mich diese Vergleiche befremden. Sie zeigen jedoch, welch enorme Bindekraft das Konzil von Nicäa besaß. Es war nicht nur Erinnerung an eine alte Synode, sondern ein lebendiges Siegel der Autorität – ein Name, der auch Klosterregeln mit ewigem Ernst versah.
Nicäa in der byzantinischen Kunst – ein Konzil im Bild
Wer eine byzantinische Kirche betritt, begegnet oft nicht nur Szenen aus dem Leben Christi oder der Heiligen. Auch Konzile sind in Fresken oder Mosaiken dargestellt. Sie erinnern daran, dass die Kirche nicht nur in Gebet und Liturgie lebt, sondern auch in ihren großen Entscheidungen des Glaubens.
Ein ikonographisches Grundschema setzte sich spätestens seit dem 10. Jahrhundert: Die Bischöfe sitzen in einem Halbkreis, in der Mitte thront der Kaiser. Vor ihnen oder am Rand erscheint Arius, oft mit einer Schriftrolle in der Hand – Sinnbild seiner „Irrlehre“.

Diese Komposition geht nicht zuletzt auf antike Vorbilder zurück: den Götterrat der römischen Ikonographie oder kaiserliche Gerichts- und Redeszenen, etwa am Konstantinsbogen.

Im dezidiert christlichen Kontext bestehen deutliche Analogien zur Ikonographie des Pfingstereignisses sowie des Jüngsten Gerichts. Hier sind jeweils die Apostel versammelt, wobei der Heilige Geist, der Thron Gottes bzw. Christus selbst das Zentrum des Bildes einnimmt.
Der Bezug zwischen dem Pfingstereignis und den Konzilen überrascht nicht: in ihrem Selbstverständnis setzen die Konzile das Werk des Apostelkollegiums fort, das mit der Herabkunft des Heiligen Geistes (Apg 2) in eine neue Phase getreten ist. Die Konzile sollen als authentische Verkündigung des apostolischen Glaubens wahrgenommen werden; das Konzil als herausragende Versammlung ist durch die Gegenwart des Heiligen Geistes in der Kirche begründet.

Die Verbindung zwischen Konzilen und Jüngstem Gericht, bei dem die Apostel gemeinsam mit Christus thronen, ruft indes sowohl eine juristische als auch eschatologische Assoziation hervor: das Urteil der versammelten Bischöfe über Häretiker und ihre Irrlehren kann einer endgültigen Verdammnis gleichkommen.

Während sich die Apostel in den genannten Darstellungen um den Heiligen Geist oder um Christus versammeln, gruppieren sich die Bischöfe beim Konzil fast immer um die zentrale Figur des Kaisers. Hierbei handelt es sich kaum um eine historische Dokumentation. Vielmehr scheinen die Darstellungen die zentrale Position des Kaisers in der orthodoxen Kirche zu unterstreichen: das Konzil wird nicht nur deshalb als ökumenisch bezeichnet, weil daran die Gesamtheit der Kirche teilnimmt, sondern auch und vor allem, weil der Kaiser der Oikoumene dem Konzil vorsitzt.
Ab dem 10. Jahrhundert finden wir solche Bilder in Handschriften, bald auch in Kirchenräumen. Besonders eindrucksvoll sind die Fresken im Kloster Dečani (14. Jahrhundert). Dort thront Kaiser Konstantin, flankiert von Bischöfen wie Alexander von Alexandrien oder Nikolaus von Myra. Die Häretiker, die durch ihre Kleidung z.T. als Hofbeamte stilisiert sind, sind klein in den Ecken platziert. Auch hier scheint es dem königlichen serbischen Stifter der Kirche nicht nur darum zu gehen, ein Ereignis im Bild nachzuerzählen, sondern auch darum, die Verwurzelung der serbischen Kirche in der allumfassenden, katholischen Kirche und in der Rhomäischen Kultur zu demonstrieren.

Spätere Abbildungen des 1. Konzils von Nicäa erhalten indes eine triumphale Theatralik, die vielfach mit den oben besprochenen Hymnen korrespondiert und sich zugleich vom Standardschema anderer Konzile abhebt.
Betrachtet man beispielsweise die russische Ikone des 16. Jahrhunderts, die sich heute in Hilandar befindet[4], und die vergleichbare etwas spätere kretische des Michael Damaskenos[5], so sehen wir, dass aus dem ehemaligen Priester Arius eine verdrehte Gestalt mit Turban (!) geworden ist. Arius wird so zu einem Fremdling, ja fast zu einer Karikatur. Seine Gestalt ähnelt der bekannten Personifikation des Hades, wie sie vielfach von Darstellungen der Anastasis – oder Höllenfahrt Christi – bekannt ist.

7. 1. Ökumenisches Konzil. Kretische Ikone des Michael Damaskenos. 1591.
Doch damit nicht genug: er wird mit Turban abgebildet, was kein Zufall sein kann.
Ein Fresko in der Panagia Soumela in der Nähe von Trapezund verdeutlicht diese Beobachtung.[6] Dieses Kloster, mindestens seit komnenischer Zeit eine byzantinische kaiserliche Stiftung, blieb auch in osmanischer Zeit ein wichtiges Zentrum der christlichen Präsenz am Pontos und beherbergte u.a. eine christliche Schule. An der Außenseite der Kirche, die z.T. in den Felsen hineingebaut ist, sind einige Fresken aus dem 18. Jahrhundert erhalten, darunter auch eine Darstellung des 1. Ökumenischen Konzils. Wie üblich sind die Bischöfe um den überdimensional großen Kaiser in der Mitte angeordnet. Im Vordergrund sind jedoch zwei Szenen platziert, die über das übliche Schema des verurteilten Arius hinausgehen: rechts den Heiligen Spyridon, der mithilfe des Ziegelsteins metaphorisch erklärt, wie die Einheit und Dreiheit der Heiligen Trinität verstanden werden kann, und links den heiligen Nikolaus, der Arius für dessen unfromme Reden ohrfeigt.[7] Bemerkenswert an dieser Darstellung ist, dass sowohl Arius, als auch der Gesprächspartner des Spyridon – wohl Euzoius, der Vertraute des Arius und spätere Bischof von Antiochien[8] – nicht als Priester, sondern als türkische Würdenträger gezeichnet werden: Arius (links) trägt einen grellgrünen, mit Perlen und Gold bestickten Chiton und darüber einen mit Pelz besetzten Kaftan oder Mantel und vor allem einen aufwendigen Turban, wie sie von zeitgenössischen Türkendarstellungen bekannt sind.[9] Euzoius, der von Spyridon belehrt wird, trägt ebenfalls einen pelzbesetzten Mantel und einen osmanischen Hut mit Pelzbesatz.[10]

Was hat es also mit dieser Stilisierung auf sich? Allgemein kann der Turban einen Fremdländer aus dem Osten, in spätbyzantinischer Zeit auch konkret einen Osmanen markieren.[11] Bei Arius muss dieses orientalisierende Moment eine andere Begründung haben: er wird nicht einfach als falsch-denkender Christ, sondern als Fremder und Orientale charakterisiert, der triumphal aus der Kirche verstoßen wird. Angesichts der heranrückenden Gefahr bzw. bereits geschehenen Eroberung des Rhomäerreiches vonseiten der Osmanen gewinnt eine solche Charakterisierung an Brisanz: die Häresie wird durch Charakteristika der Volkszugehörigkeit ausgedrückt.
Der Bezug zwischen Arius und den muslimischen Osmanen liegt jedoch noch tiefer. Bereits Johannes von Damaskus zieht eine Verbindung zwischen dem Islam und dem Arianismus, indem er die Abfassung des Korans auf eine Begegnung zwischen Mohammed und einem Arianischen Mönch zurückführt.[12] Die Wahrnehmung des Islam als Fortführung der arianischen Häresie schlägt sich seither in christlichen Quellen in Ost und West gleichermaßen nieder.[13]
So erscheint Arius in der späten Ikonographie als ein doppeltes Feindbild: als Verräter des Glaubens und als Fremder, der von außen die Kirche bedroht. Was für die frühen Hymnen die Gleichsetzung mit Judas war, das wurde in der Bildwelt die orientalische Verkleidung – ein Mittel, um den Gegner plastisch vor Augen zu stellen.
Schlussbetrachtung
Die Erinnerung an das Erste Konzil von Nicäa ist vielgestaltig. Sie lebt in Hymnen, die bis heute gesungen werden, in Fresken und Ikonen, die ganze Kirchenwände füllen, und sogar in Klosterregeln, die ihre Autorität mit dem „Fluch der 318 Väter“ bekräftigten. Immer wieder begegnen wir demselben Muster: Nicäa steht für den Sieg des Glaubens über den Irrtum, für die Einheit der Kirche über Spaltungen und für die Treue zu Christus gegenüber allen Versuchungen des Verrats.
Heute stehen wir in einer anderen Situation. Der Kaiser, der einst die Konzile einberief und in den Ikonen immer in der Mitte thront, fehlt. Die orthodoxe Kirche ist aufgerufen, ihre Einheit nicht durch äußere Macht, sondern allein durch die Gegenwart des Heiligen Geistes zu suchen.
Damit rührt die Erinnerung an Nicäa an eine aktuelle Frage: Wie können wir heute Einheit leben, ohne uns in neuen Spaltungen zu verlieren? Die Antwort liegt nicht in Macht und Zwang, sondern in Demut und im gemeinsamen Hören auf den Geist Gottes. Die Kirche ist nicht Besitz weniger, sondern Erbe aller. Darin liegt die Verantwortung jeder Generation: das Bekenntnis von Nicäa nicht als vergangenes Drama zu sehen, sondern als lebendige Einladung, Kirche zu sein in Einheit und Wahrheit.
[1] Hier und im Folgenden, falls nicht anders angegeben, stammen die Übersetzungen von mir, A. L.
[2] Dieses Sticheron ist eine Anspielung auf die Vision des Petrus von Alexandrien. Die Vision, die ab dem 13. Jahrhundert häufig in der byzantinischen Kunst dargestellt wird, geht zurück auf einen Bericht in der von Anastasius Bibliothecarius in der 2. H. des 9. Jahrhunderts verfassten Vita des Heiligen: Petrus, der Bischof von Alexandrien, der Arius bereits im ersten Jahrzehnt des 4. Jahrhunderts verurteilt und exkommuniziert hatte, wurde während der Christenverfolgung unter Maximinus Daia verhaftet. Als er im Gefängnis die Eucharistie feierte, erschien ihm Christus als zwölfjähriger Junge mit zerrissener Kleidung und erklärte, Arius habe seine Kleidung zerrissen – eine Metapher für den Riss, den Arius in die Heilige Trinität gebracht habe. Siehe dazu S. Koukiaris, The depiction of the Vision of saint Peter of Alexandria in the sanctuary of Byzantine churches, Zograf 35 (2011) 63-71. m. weiterer Literatur.
[3] Athanasius d. Gr., Epistula ad Serapionem de morte Arii (s. H. G. Opitz, Athanasius Werke Bd. 2.1, Berlin 1940, 178-80). u diesem Brief siehe B. Stefaniw, Epistula ad Serapionem de morte Arii, in: Peter Gemeinhardt (Hg.^ Hgg.), Athanasius Handbuch, Tübingen 2011, S. 208-10. Der Bericht wird von Socrates, hist. eccl. I, 38, 7 f., wiedergegeben und u.a. um das Detail ergänzt, wie Arius die Eingeweihde herausfallen.
[4] Vgl. Siopis, Απεικονίσεις των αιρετικών στη Βυζαντινή τέχνη [The representations of the heretics in Byzantine art], S. 145. Abb. siehe hier: https://fotoload.ru/fotoset/2574/?fid=142154, abgerufen am 11.9.2025
[5] Abb. siehe hier: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1d/Μιχαήλ_Δαμασκηνός_-_Α΄_Οικουμενική_Σύνοδος_7741.jpg, abgerufen am 11.9.2025
[6] Zu diesem Kloster siehe V. Haralampidou, Παναγία Σουμελά Πόντου [Die Panagia Soumela am Pontos], Thessalonike 2009, S.; A.-M. Talbot, ODB, s. v. Soumela Monastery; O. Meinardus, The Panagia of Soumela: Tradition and History, Orientalia Suecana XIX–XX (1970–1971) 63-80.; A. Bryer and D. Winfield, The Byzantine Monuments and Topography of the Pontos, Washington, D. C. 2021, S. 254-56..
[7] Weitere Bspp. für beide Szenen s. Siopis, Απεικονίσεις των αιρετικών στη Βυζαντινή τέχνη [The representations of the heretics in Byzantine art], S. 164 ff., wenn auch fehlerhaft interpretiert.
[8] Siehe Sokrates, hist. eccl. IV, 1-2; D. V. Zajtsev, Pravenc, s. v. Евзоий [Euzoius]; W. Löhr, The Encyclopedia of Ancient History, s. v. Arius and Arianism.
[9] Vgl. M. G. Parani, Reconstructing the Reality of Images. Byzantine Material Culture and Religious Iconography (11th-15th Centuries), Leiden – Boston 2003, S. 221 f.
[10] Ebd.
[11] Parani, Reconstructing Images, S. 221 f. m. Anm. 3..
[12] Johannes von Damaskus, De haresibus Kap. 100, s. P. B. Kotter, Die Schriften des Johannes von Damaskos IV (Patristische Texte und Studien 22), Berlin 1981, S. 19-67. (http://stephanus.tlg.uci.edu.emedien.ub.uni-muenchen.de/Iris/Cite?2934:006:73615).
[13] Vgl. B. Z. Çoban, Arius and Islam: A Critical Look at the Christian and Muslim Literature, in: E. Aydemir and S. Sağlık (Hg.^ Hgg.), Research and Reviews in Social, Human and Administrative Sciences II, Ankara 2021, S. 1-26., bes. ab S. 6 m. weiterer Literatur.









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