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Über Kirche, Politik und Diskussionskultur

Interview mit Metropolit Mark vom 4. März 2024

Aus Anlass einer in der kirchlichen Gesellschaft geführten Debatte darüber, ob Priester für ihre politischen Standpunkte, insbesondere in Bezug auf den aktuellen Krieg in der Ukraine, kanonisch zur Rechenschaft gezogen werden können, bat die Redaktion des Boten S.E. Metropolit Mark um eine Stellungnahme zur Diskussionskultur in der Kirche. Im Interview mit dem Boten brachte er seine Besorgnis über das politische Klima in Russland zum Ausdruck. Für Metropolit Mark kann ein Krieg verschiedene Gründe haben, aber in keinem Fall gerechtfertigt werden. Das Wort „Sieg“, das in den Gebeten der Orthodoxen Kirche vorkommt, soll in dem einen Sinn verstanden werden: als Sieg über die Sünde, die zu Gewalt, Mord und Krieg führt. Zugleich: Bei allem Verständnis für den Widerstand gegen Krieg und Siegesrhetorik ist die Flucht aus der Kirche dem Frieden und der Wahrheit kaum dienlich.

In der Bote-Redaktion wurde lange darüber diskutiert, ob die Kirche oder eine einzelne Diözese das politische Geschehen öffentlich kommentieren soll, und in welchem Format dies geschehen soll. Schließlich werden ausgewogene und ruhige Stellungnahmen oft von hitzigen Diskussionen und gegenseitigen Anschuldigungen übertönt. Die erwarteten und mitunter heftigen Reaktionen auf die Aussagen des Metropoliten blieben nicht aus. Wir haben die Kommentare unter dem Video mit Interesse verfolgt und versuchen im Anschluss an das hier abgedruckte Interview darauf zu antworten.

Der Bote: Vladyko, bis zu einem gewissen Grad rechtfertigt das Moskauer Patriarchat den Krieg in der Ukraine und bezeichnet ihn u.a. als Kampf für die christlichen Werte, während das ukrainische Volk als Geisel westlicher Feindseligkeiten verstanden wird. In den Gottesdiensten der Russischen Kirche wird mit verschiedenen Worten für das Ende dieser kriegerischen Auseinandersetzung gebetet. In der Diözese von Moskau z.B. wird ein Gebet gelesen, das einige Priester und Gläubige verstört hat. Die umstrittene Passage dieses Gebets lautet folgendermaßen: „Feindliche Kräfte haben sich gegen die heilige Rus' gewandt, um ihr vereintes Volk zu spalten und zu zerstören. Erhebe Dich, o Gott, um Deinem Volk zu helfen, und schenke uns durch Deine Macht den Sieg.“

Metropolit Mark: Ich persönlich habe keine scharfen Worte gewählt. Und ich verstehe diese Position des Moskauer Patriarchats nicht. Ich teile sie nicht und kann sie auf keine Weise rechtfertigen. Ich verstehe, dass die aktuelle Situation in vielerlei Hinsicht durch Maßnahmen hervorgerufen wurde, die zu Unrecht gegen Russland und das russische Volk gerichtet waren. Doch es leidet vor allem das ukrainische Volk. Wir können natürlich meinen, dass es sich um ein einziges Volk handelt, doch dies ist keine Rechtfertigung, insofern als die Menschen sich ja zur Verteidigung ihres Heimatlandes erheben. Und es ist unbestreitbar, dass die Ukraine ihre Heimat ist. Es gibt in dieser Hinsicht also keine Rechtfertigung. Nur der Wunsch nach Frieden, auf allen Seiten, kann rechtfertigt werden.

Der Bote: Was sagen Sie den Menschen, die mit diesem Wort „Sieg“ hadern?

Metropolit Mark: Ich denke, dass jeder gewünschte Sieg diesbezüglich ungerecht sein wird. Dieser Sieg würde nur dem Teufel gehören, der diesen Krieg wollte. Für einen Christen wird m.E. kein Sieg gerechtfertigt sein.

Der Bote: Und wie ist es mit anderen Stellen in unserer liturgischen Praxis, an welchen wir um „den Sieg der orthodoxen Christen gegen die Feinde“ beten?

Metropolit Mark: Ja, dieser Begriff kommt vor, aber gemeint ist in erster Linie der geistliche Sieg. Der geistliche Sieg über die geistliche Schwäche, die sich gerade im Krieg ausdrückt. Der Krieg ist eine Anerkennung der eigenen Schwäche, des eigenen extremen Versagens und des völligen Mangels eines christlichen Verständnisses.

Der Bote: Die Russische Kirche und viele Menschen bezeichnen diesen Krieg oft als Bruderkrieg. Ihnen wird vorgeworfen, die Souveränität des ukrainischen Staates zu leugnen. Was denken Sie darüber?

Metropolit Mark: Ich kenne mich in Fragen der Nation oder Nationalität nicht aus, und kann diese Frage nicht eindeutig beantworten. Ich denke, dass es sich um zwei einander sehr nahestehende Völker handelt. Sie haben sich bereits etabliert, und zwar - leider - dank der Kommunisten, die sich so zwei Sitze in der UN verschaffen wollten. Die Bolschewiken wollten und initiierten diese Spaltung. Chruschtschow war ein Ukrainer. Seither dauert das Ganze an. Aber das ist meine Meinung. Ich bin nicht Teil dieses Volkes und kann daher nicht so urteilen, wie ein Spezialist in Fragen der Nation es könnte.

Der Bote: Andererseits sagte Seine Seligkeit Metropolit Onuphrij zu Beginn des Krieges, dass Kain sich gegen seinen Bruder Abel erhoben habe. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche unterstützt die ukrainische Armee in diesem Krieg. Hätte sie hier neutral bleiben können?

Metropolit Mark: Ich denke, sie hätte nicht neutral bleiben können. Sie ist Teil ihres Volkes und sie betet für die Menschen, die ihr Leben für ihre Heimat opfern. Das ist ein schrecklicher, verzweifelter Kampf. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Der Bote: Die Bischöfe der Russischen Auslandskirche haben ihre Unterstützung für den Metropoliten Onuphrij, für die gesamte Ukrainische Kirche und das Ukrainische Volk wiederholt zum Ausdruck gebracht. Andererseits beugen sie sich nicht dem Druck einer eher westlichen Öffentlichkeit, den Präsidenten Putin und den Patriarchen Kyrill für diesen, wie es üblicherweise heißt, „präzedenzlosen und unprovozierten Angriffskrieg gegen die Ukraine“ demonstrativ zu verurteilen. Kann man sagen, dass die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland hier einen Mittelweg beschreitet?

Metropolit Mark: Natürlich nehmen wir hier eine mittlere Position ein. Wir unterstützen Russen wie Ukrainer. Man hat bei uns nie zwischen Russen und Ukrainern unterschieden. Seit den Anfängen der Auslandskirche vor einhundert Jahren hatte sie, denke ich, mehr Südrussen als Nordrussen, wie man sie damals bezeichnete. Die Unterteilung in Ukrainer und Russen entstand erst später. In dieser Hinsicht sahen wir weder eine Spaltung noch einen Grund für eine Teilung. Selbstverständlich sehen wir auch durchaus enge Verbindungen zwischen den Menschen auf beiden Seiten. Wir kennen viele Ukrainer, die in Russland leben und Russland lieben, und kennen umgekehrt viele Russen, die in der Ukraine leben, und die Ukraine und das ukrainische Volk lieben. Es gibt bei uns keine Spaltung und wir wollen sie nicht. Wenn andere, Verrückte, diese Spaltung wünschen, so ist das ihre Sache, doch wir wollen dazu nicht beitragen.

Der Bote: In Russland gibt es Priester, die den Krieg und die russische Regierung scharf verurteilen. Und in manchen Fällen werden sie mit recht harten kirchlichen und rechtlichen Maßnahmen belegt. Erinnern Sie solche Fälle an den Geist der DDR, in der Sie aufgewachsen sind?

Metropolit Mark: Was die Verurteilung dieser Priester angeht, so ist sie m.E. ungerechtfertigt und falsch und hat keine kirchliche, rechtliche oder kirchenrechtliche Begründung.

Der Bote: Von Ihnen persönlich und von der Russischen Auslandskirche wird manchmal erwartet, dass Sie sich gegen ein solch hartes Vorgehen mit Andersdenkenden in Russland äußern, insbesondere, wenn es sich um Priester handelt. Erst kürzlich hat die Geschichte rund um Erzpriester Alexej Uminskij für Wirbel gesorgt. Er wurde vom Dienst suspendiert, weil er, wie es im ersten Moment aussah, sich weigerte, jenes Gebet für den Sieg zu sprechen. Doch er erschien drei Mal nicht vor dem Kirchengericht und trat wenige Tage später zum Patriarchat von Konstantinopel über. Haben Sie sich also zu Recht nicht für ihn eingesetzt?

Metropolit Mark: Nun, wenn jemand gegen die Regeln der Kirche verstößt, in diesem Fall gegen die Pflicht, vor dem Kirchengericht zu erscheinen, wenn er dazu geladen wird, dann muss er damit rechnen, verurteilt zu werden. Durch sein Nichterscheinen verurteilt er sich selbst. Ich kann seinen Weggang aus der Russischen Kirche, gewissermaßen seine Flucht, ja seine rechtswidrige Flucht und seinen illegalen Übertritt in ein anderes Patriarchat nicht akzeptieren. Andererseits kann ich seine Handlungen, die den Auslöser für seine Verurteilung gaben, natürlich nicht verurteilen.

Der Bote: Das Patriarchat von Konstantinopel begründete seine Entscheidung, ihn zu übernehmen, damit, dass seine Suspendierung nicht aus kirchlichen Gründen erfolgt sei, sondern wegen seines berechtigten Widerstands gegen den Krieg in der Ukraine. An diesem Argument ist also etwas dran?

Metropolit Mark: Diese Logik des Patriarchats von Konstantinopel ist a priori falsch. Der Patriarch von Konstantinopel meint das Recht zu haben, eine Appellationsinstanz für alle zu sein. Wir erkennen ein solches Recht nicht an. Das ist kein rechtmäßiger und kein kirchlicher Standpunkt. Deshalb spüren wir in alledem eine Heuchelei. Nach weltlichen Maßstäben scheint der Patriarch von Konstantinopel einen Menschen, der aus meiner Sicht unrechtmäßig verurteilt wurde, legitimerweise zu rechtfertigen. Doch er hat dazu kein Recht. Es tut mir leid um diesen Menschen, der sich so in sein Unrecht vertieft hat, dass er letztlich falsch gehandelt hat. Er hätte sich vor dem Gericht rechtfertigen können. Wir wissen ja nicht, zu welchem Ergebnis das Gericht gekommen wäre. Jetzt wissen wir, dass er zu Recht verurteilt wurde.

Der Bote: Inwieweit sind solche Fälle vielleicht auf einen Mangel an Kommunikations- oder Diskussionskultur im Moskauer Patriarchat zurückzuführen?

Metropolit Mark: Einen solchen Mangel an Gesprächskultur gibt es sicherlich in vielerlei Hinsicht.

Der Bote: Auch in der Russischen Auslandskirche gab es schwierige Situationen. Beispielsweise hat der verstorbene Metropolit Vitalij (bis 2001 Ersthierarch der Auslandskirche) Ihre Schritte zur Annäherung an das Moskauer Patriarchat scharf verurteilt. Damals setzten sich die älteren Bischöfe für Sie ein. Sodann gab es unter den Gläubigen und Priestern bis zuletzt Gegner der Wiederherstellung der kanonischen Einheit zwischen der Auslandskirche und dem Moskauer Patriarchat. Zeichnet sich die Auslandskirche durch eine andere Gesprächskultur aus als im Moskauer Patriarchat üblich?

Metropolit Mark: Schon diese Entwicklung zeigt, dass bei uns eine andere Kultur herrscht, in der wir unseren älteren Bischöfen auch widersprechen können. Und eine solche entgegengesetzte Meinung kann sich auch durchsetzen. Damals hatte Metropolit Vitalij seine Meinung, und es gab andere Bischöfe, die einen anderen Standpunkt vertraten. Und letztlich überwog deren Ansicht.

Der Bote: Vielen Dank, Vladyko.


Stellungnahme der Redaktion

Das Interview von Metropolit Mark hat eine Reihe von Kommentaren hervorgerufen. Die Redaktion des Boten der deutschen Diözese hat sich entschlossen, auf diese zu antworten. Das Interview selbst war eine Antwort auf zuvor aufgeworfene Fragen und Diskussionen. In den Kommentaren sehen wir eine Palette von Meinungen über die Gedanken des Metropoliten, doch einige gehen weit über diese Palette hinaus und greifen die Persönlichkeit des Hierarchen direkt an. Wir wollen versuchen, hier Klarheit zu schaffen.

Anlass für das Interview war die Haltung des Moskauer Patriarchats gegenüber Geistlichen, die das in Moskau (nicht in ganz Russland) vorgegebene „Gebet für die Heilige Rus‘“ nicht akzeptierten oder darin das Wort „Sieg“ durch das Wort „Frieden“ ersetzten. Es folgten kanonisch fragwürdige Suspensionen vom Priesteramt, die bis hin zur Laisierung reichten. In unserer Diözese wurde dieses Gebet weder akzeptiert noch diskutiert. Auf jeden Fall ist es hier undenkbar, dass ein Geistlicher gegen sein Gewissen gezwungen wird, ein neu verfasstes Gebet zu sprechen. Unsere Bischöfe würden das Thema im Konzil besprechen, aber sicher keine administrativen Zwangsmaßnahmen einführen.

Im Interview spricht Metropolit Mark diesbezüglich von einer „Kommunikationskultur“ und verweist auf die Freiheit innerhalb der ROKA. Die Fragen betrafen den Begriff „Sieg“, die Haltung zum Krieg, insbesondere zum Bruderkrieg, und den Fall von Vater Alexej Uminskij.

Vladyka gab ein Beispiel aus seinem eigenen Leben in Bezug auf die "Kommunikationskultur" und die erwähnte Freiheit in der ROKA: diese Freiheit sei mitunter auch dadurch zum Ausdruck gekommen, dass sich eine Mehrheit von Bischöfen gegen die Haltung des damaligen Oberhauptes der ROKA, Metropolit Vitalij, durchgesetzt hätte. In den Kommentaren wird bestritten, dass es eine solche Mehrheit gegeben habe, und in diesem Zusammenhang werden (jenseits eines berechtigten Meinungsspektrums) ganze Schwaden negativer Äußerungen und falscher Behauptungen über die Persönlichkeit des Oberhauptes der deutschen Diözese, Metropolit Mark, insbesondere im Verhältnis zum Metropoliten Vitalij ausgeschüttet. In diesen Behauptungen herrschen Mythen vor, die nicht mit den historischen Fakten übereinstimmen (zu den Fakten siehe "Der Bote" Nr. 6/2001). Tatsächlich erkannte Vladyka Mark damals, dass er sich der damals drohenden Verengung des Kirchenverständnisses entgegenstellen müsse. Einige der Reaktionen auf das jetzt publizierte Interview lassen tatsächlich jene damals drohende Engstirnigkeit erkennen. Das gilt zum Beispiel für den Vorwurf der angeblichen „ökumenistischen Neigungen“ von Vladyka Mark, die es nie gegeben hat. Tatsache ist jedoch, dass Vladyka Mark - zusammen mit der Mehrheit der ROKA-Bischöfe - den Vorwurf des „Ökumenismus“ gegen die Serbische Kirche zurückgewiesen hat, der er immer treu war, ebenso wie zum Patriarchat von Jerusalem und dem Berg Athos (bei allen damaligen Problemen). Es ist zu unterstreichen, dass alle Schritte in dieser Richtung in konziliarer Übereinstimmung unternommen worden sind, was jeder auf Grundlage der veröffentlichten Protokolle der Bischofskonferenzen der ROKA in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre überprüfen kann.

Es ist bezeichnend, dass der Synod der ROKA in jener konfliktreichen Zeit ausgerechnet Vladyka Mark damit beauftragte, sich sowohl mit den Angelegenheiten des Berges Athos als auch mit den gewaltsamen Übernahmen von Klöstern im Heiligen Land zu befassen. Dieser Umstand spricht für sich. Die Aussagen in diesen thematisch vielfältigen und eher feindseligen Kommentaren enthalten viele alte Verzerrungen. Es sind die Meinungen derer, die die wirkliche Russische Auslandskirche längst verlassen, mit ihr gebrochen haben und sich auf der Grundlage ihrer Mythen ein andersartiges eigenes kirchliches Eckchen erstellen.

❝ Aber er war nie bereit, das ganze Leben der Kirche auf Entstellungen in die eine oder andere Richtung zu reduzieren. Es gibt andere Dimensionen des kirchlichen Lebens, die Vladyka sieht und berücksichtigt.

Metropolit Mark wird u.a. eine engstirnige Haltung gegenüber dem Moskauer Patriarchat zugeschrieben. Angeblich habe Vladyka den Metropoliten Sergij (Stragorodskij) als „Häresiarch“ bezeichnet, der "seine apostolische Sukzession verloren" habe. So etwas hat Vladyka Mark natürlich nicht gesagt. Hier wird Wunschdenken für Realität gehalten. Tatsache ist, dass er dem administrativen und parteipolitischen Vorgehen innerhalb des Moskauer Patriarchats, soweit vorhanden, immer kritisch gegenüberstand und steht. Wenn er damals den Stalinismus nicht billigte, so billigt er ihn auch heute nicht. Aber er war nie bereit, das ganze Leben der Kirche auf Entstellungen in die eine oder andere Richtung zu reduzieren. Es gibt andere Dimensionen des kirchlichen Lebens, die Vladyka sieht und berücksichtigt. Das zeigt sich auch in diesem Interview.

Was den Metropoliten Sergij (Stragorodskij) betrifft, so kann zweifellos von einer, seiner Machtergreifung in der Kirche gesprochen werden. Sowohl für Vladyka Mark selbst, als auch für die deutsche Diözese und in der Folge für die gesamte ROKA war jedoch die kirchliche und kirchenrechtliche Haltung des Metropoliten Kirill von Kazan (Smirnov) entscheidend, die sich auch auf den Seiten des "Boten" (z.B. Nr. 6/2003) deutlich widerspiegelte. Wenn einzelne ROKA-Bischöfe dem Moskauer Patriarchat tatsächlich die Kirchlichkeit und die Gnade des Heiligen Geistes absprachen, so wurde dies nie offiziell erklärt, weil es nicht der gesamtkirchlichen Haltung der ROKA entsprach. Um nur ein anschauliches Beispiel zu nennen: Auf dem Bischofskonzil von 1938, dem Metropolit Anastasij (Gribanovskij) vorstand, beschlossen die Hierarchen der Auslandskirche, "dass die aus Russland ankommenden Geistlichen sofort zur Gebetsgemeinschaft in der ROKA zugelassen werden", denn "die Sünde des Metropoliten Sergij erstreckt sich nicht auf den Klerus unter seiner Jurisdiktion". Der letzte Satz ist ein direktes Zitat des Heiligen Kyrill von Kazan, auf dessen Position Metropolit Anastasij auf dem Konzil verwiesen hatte. Später geriet dieses Dekret unter den Hierarchen der ROKA in Vergessenheit, so dass sich ein gewisser, wenn auch kleiner, rigoristischer Flügel innerhalb der Auslandskirche bilden konnte. Und als nach dem Zusammenbruch der UdSSR die Zeit des kirchlichen und wissenschaftlichen Dialogs anbrach, stellte sich heraus, dass es unter den “Nicht-Kommemorierenden” (also in Opposition zu Metr. Sergij stehenden) der Neumärtyrer, ein überaus angesehener Hierarch befand, dessen weise Position von der ROKA bereits längst akzeptiert worden war und die auch im Moskauer Patriarchat Verständnis fand.  Aber für die "Zeloten" in der ROKA war der heilige Kyrill zu dieser Zeit nicht mehr streng genug, und Erzbischof Mark, der für die Wahrheit offen war, angeblich "inkonsequent" in seinen Ansichten.

Inakzeptabel für die ROKA war die falsche Auslegung von Röm 13,1-5, wonach die atheistische kommunistische Regierung "von Gott eingesetzt“ sei; ebenso inakzeptabel war die damit einhergehende Haltung in Russland gegenüber den Heiligen Neumärtyrern, die diese Regierung nicht als “gottgefällig” bzw. “von Gott gesegnet” ansahen. Aber beide Punkte, wie auch ein dritter Vorwurf – der des "Ökumenismus" – wurden vom Bischofskonzil des Moskauer Patriarchats im Jahr 2000 prinzipiell korrigiert. Danach wurde der von Vladyka Mark in den 1990er Jahren begonnene Dialogprozess vertieft. Das Bischofskonzil der ROKA samt seinem Vorsteher Metropolit Vitalij (Ustinov) ernannte im Jahr 2000 Erzbischof Mark zum Leiter der entsprechenden "Kommission zur Einheit". Im Jahr 2003 begann die nächste Etappe der Annäherung, indem offizielle bilaterale Dialogkommissionen eingesetzt wurden, die schließlich den "Akt der kanonischen Gemeinschaft innerhalb der vereinigten russischen Kirche" verwirklichten. Dieser Akt ist keineswegs eine administrative Unterordnung, wie in einem der Kommentare zum Video-Interview behauptet wird (in diesem Kommentar heißt es, die ROKA sei „unter die Verwaltung des reuelosen Moskauer Patriarchats gestellt worden“, welches sein angebliches „Versprechen, öffentliche Buße zu tun" nicht eingehalten habe). Für ein korrektes Verständnis sollte man sich den originalen Dokumenten zuwenden und sowohl den "Akt" selbst als auch die vorausgegangenen, veröffentlichten Dokumente der Kommissionen lesen, die zuvor von Synoden und Konzilen angenommen wurden (siehe www.synod.com).

Zur Frage nach Nationen weist Metr. Mark auf zwei Dinge hin: Erstens ist er - kurz gesagt - "Deutscher". Deshalb könne er es sich nicht erlauben, so zu sprechen, als gehöre er einem der kämpfenden Völker an, unabhängig davon, ob man hier ein, drei oder ein „dreieines“ Volk erkennen will. Das ist eine ehrliche Selbsteinschränkung. Es bleibt unklar, was daran Irritationen auslöst. Zweitens sagt Vladyka, er sei "kein Experte" für nationale Fragen. Die Kommentare hierzu, Vladyka habe nichts zu sagen, "wenn er nicht insgesamt in allen Fragen kompetent ist", klingt seltsam. Zugleich verweist Vladyka Mark jedoch auf das Umfeld, in dem er sich seine Meinung über die Orthodoxie und Russland gebildet hat: In den Gemeinden der Russischen Auslandskirche gab es stets Russen, Ukrainer und Weißrussen, die nicht verfeindet waren, es gab keinen nationalistischen Radikalismus. Natürlich gab es auch Radikale in der Emigration. Es gab auch die "Ukrainische Autokephale Kirche" im Ausland. Vladyka verweist lediglich auf seine andersartige und positive Nachkriegserfahrung, in der Spaltung und Feindseligkeiten nicht vorhanden waren. Das ist ein erstrebenswerter Zustand, und die Tatsache, dass jetzt das Gegenteil eingetreten ist, freut Vladyka nicht.

Außerdem hat Vladyka Mark den Krieg in seiner frühen Kindheit erlebt und kennt die Schrecken des Krieges persönlich. In seiner Jugend hat er unter dem Kommunismus gelebt und lehnt ihn ebenso ab wie den Nationalsozialismus, so wie es seine Eltern vor ihm getan haben.

Ein Kommentator ging sogar so weit, sich offen aggressiv zu äußern: "Ja, es sieht so aus, als müssten wir Deutschland noch einmal mit Panzern besuchen...". Vladyka hat im Alter von 12 Jahren sowjetische Panzer in Berlin gesehen, als sie am 17. Juni 1953 den Arbeiteraufstand in Ostdeutschland niederschlugen, von dem die Bürger der UdSSR ebenso wenig zu erfahren hatten wie von den Aufständen in den Arbeitslagern nach Stalins Tod.

Diejenigen, die aus den Worten des Bischofs „Einseitigkeiten" herausgehört haben, wissen vermutlich nicht, dass Vladyka Mark sich wiederholt gegen einseitige Parteiergreifung ausgesprochen und in der brisantesten Zeit bereits darauf hingewiesen hat, dass die Westlichen Länder („wir im Westen") eine erhebliche Mitschuld an diesem Konflikt tragen. All dies ist auf der Website des „Boten" dokumentiert.

Entsprechend verhält es sich in Hinblick auf etwaige enttäuschte Erwartungen über die Abwesenheit des Themas der Verfolgung der UOK. Diesbezüglich ist ein von beiden Bischöfen der deutschen Diözese unterzeichneter „Appell an die Mitglieder des Bundestages" auf der Website des „Boten" sowie in der Druckversion veröffentlicht worden (Nr. 1/2024, S. 37-40). Zusätzlich zu diesem Aufruf haben Vladyka Mark persönlich und die Redaktion des Boten eine Reihe von Artikeln und Videobotschaften in deutscher und russischer Sprache veröffentlicht, die über die Verfolgung der kanonischen Ukrainischen Orthodoxen Kirche berichten. Deutsche Politiker und die Öffentlichkeit, die recht einseitig und blind dem Narrativ der ukrainischen Regierung folgen, obschon sogar die Vereinten Nationen Beweise für die Verletzung religiöser Rechte in der Ukraine vorlegen, werden von unseren Hierarchen aufgerufen, sich für die Rechte der UOK einzusetzen. Natürlich beten wir in unseren Kirchen ständig für die verfolgte Kirche in der Ukraine und kommemorieren ihre inhaftierten Metropoliten namentlich.

Die Haltung zum Krieg und zum Sieg. Hier gibt es zwei verschiedene Ebenen. Die spirituelle und die soziopolitische. Es empfiehlt sich, den Worten des Hierarchen Aufmerksamkeit zu schenken. Seine Aussage, dass kein Krieg „gerechtfertigt" werden kann, mag ungewohnt klingen. Aber der Punkt ist, dass Krieg eine Folge der Sünde ist, und die Sünde - das Werk des Satans. Die Werke des Satans können nicht gerechtfertigt werden. Dies ist eine völlig eindeutige und rein geistliche Sichtweise. Das ist keine „Lehre Lew Tolstojs", sondern steht ganz im Einklang mit dem, was der Philosoph Iwan Iljin in seinem Buch „Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse“ (in Deutsch beim Verlag “Hagia Sophia” erschienen) schreibt. Die Sünde der Gewaltanwendung muss gebüßt werden, auch und gerade dann, wenn man selbst oder das Volk unfähig sind, ein Problem auf andere Weise zu lösen. Zur Reflexion über dieses Thema kann gleichermaßen das Buch „Der Krieg und die Bibel" des Heiligen Nikolaj von Serbien (Velimirovich) empfohlen werden.

❝ Zu welchem Abgrund treibt der Triumphalismus die Seele, und aus welchem Bedürfnis heraus wird er geboren? Ist er der Buße förderlich?

In den Kommentaren wird ein bekannter Auszug aus dem Brief des Heiligen Athanasius des Großen an den Mönch Ammun zitiert. Der heilige Athanasius unterscheidet zwischen der persönlichen Willkür des Tötens (sprich, dem Mord) und der Verteidigung des Volkes, von Frauen und Kindern, gegen Barbaren.  Wenn die Verteidigung des Landes lobenswert ist, so ist sie doch eine tragische Entwicklung, ein Unglück und Leid, die Ohnmacht des Menschen, die Sache anders zu lösen. Und wenn sie eine bittere Notwendigkeit darstellt, dann steht der Christ in der Verantwortung, diese eigene Unzulänglichkeit zu erkennen und ernst zu nehmen, statt etwa mit ihr zu prahlen.

Selbstverherrlichung korrumpiert die Seele, führt weg von Gott, verhärtet das Herz. In diesem Sinne ist dem erwähnten Zitat die 13. Regel des heiligen Basilius des Großen anzuschließen. Der Heilige Basilius schreibt den Soldaten, die ihre Hände mit Blut befleckt haben, eine dreijährige Bußzeit unter Ausschluss von der Hl. Kommunion vor. Möglicherweise ist diese geistliche Dimension in den Köpfen verblasst. Zu welchem Abgrund treibt der Triumphalismus die Seele, und aus welchem Bedürfnis heraus wird er geboren? Ist er der Buße förderlich? In einigen Kommentaren wird auf die „Unbußfertigkeit" als Problem hingewiesen, allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang. Doch gerade hier liegt das Übel.

Was sehen wir? Einerseits die Ikone des „Nicht von Menschenhand geschaffenen Heilands", jenes auf dem Denkmal von Minin und Pozharskij, und zugleich andererseits den gottlosen roten Stern mit Hammer und Sichel? Die Vernichtung der Heiligen Neumärtyrer sowie der Kirche fand unter diesem Zeichen des militanten Atheismus statt. Das ist bis heute nicht überwunden. Diese Vermengung ist ein leidvolles Problem des modernen Russland, es ist kein geringeres als das Problem und die Rolle der Nazi-Symbolik im Umfeld der Gegenpartei. Der Ausweg ist nicht realisiert worden. Und dabei ist es unerheblich, wer daraus seinen Nutzen gezogen hat. Auf uns selbst müssen wir achten, wenn wir orthodoxe Christen sind. Dieser Krieg ist eine Folge unserer sündhaften Einstellungen. Die geistliche Größe der Neumärtyrer wurde nicht begriffen, die Liebe wurde in den Weiten Russlands nicht gebührend kultiviert, der Geist der Buße wurde nicht verinnerlicht. Jetzt ist er da – der Krieg: von Gott zu Züchtigung. Die Heiligen Väter haben zwar sehr wohl mit dem Krieg als einer Realität der sündigen Welt gerechnet, aber sie haben nicht dazu geraten, sich damit zu brüsten – in diesem Sinne haben sich die russischen Fürsten, die aus bitterer Not zu den Waffen griffen, später zu Mönchen scheren lassen. Ist diese Perspektive heute auch präsent?

Und in genau demselben Sinn sagt Vladyka Mark, dass der „Sieg" geistlich sein muss, dass es der geistliche Sieg ist, der im Gebet an erster Stelle steht. Möge dies im Extremfall den externen Sieg über „Barbaren", „Hagarer" oder wie es in der Liturgie des heiligen Basilius des Großen heißt, über „die, die den Krieg wollen", nicht aufheben, aber ohne ein entsprechendes geistliches Fundament, kann der externe Sieg, wie die Geschichte Russlands im letzten Jahrhundert gezeigt hat, sogar zerstörerisch für den Geist des Volkes sein, und in der Folge kann sich der Krieg wiederholen und sogar ausweiten.

Deshalb steht der Frieden in der Wertehierarchie über dem Sieg, und deshalb ist es nicht verwerflich, das Wort „Sieg" durch das Wort „Frieden" zu ersetzen.  Denn der wahre Frieden ist in der Tat der höchste Sieg. Und an beidem mangelt es im modernen Leben sehr. Leider ist der äußere Frieden nur vorübergehend, denn er kann weit entfernt sein vom geistigen inneren Frieden – dem wahren Frieden, der in voller Harmonie mit dem Willen Gottes ist. Er wird das Reich Gottes genannt, das „in uns" ist, sowohl in dem Sinne, dass es in unserem Herzen ist, als auch in dem Sinne, dass es unter uns herrschen kann und soll. Das ist es, wovon Vladyka Mark im Grunde genommen in diskret-knapper Form spricht.

❝ Deshalb steht der Frieden in der Wertehierarchie über dem Sieg, und deshalb ist es nicht verwerflich, das Wort „Sieg" durch das Wort „Frieden" zu ersetzen. 

Daher ist es so betrüblich, Kommentare zu lesen, die von Feindseligkeit gekennzeichnet sind. Aber umso tröstlicher ist es dann, friederfüllte Erwiderungen zu sehen, der Bischof habe ausgewogen und korrekt argumentiert.

Schließlich löst Metropolit Mark die Frage des Kirchengerichts konsequent im Sinne der Kanones. Er bemitleidet Vater Aleksej Uminskij, und zwar vor allem deshalb, weil er seine Entscheidung für falsch hält. Das Nichterscheinen vor Gericht, nachdem er dreimal vorgeladen worden war, ist ein Verstoß gegen das Kirchenrecht als solches und beeinträchtigt das Glaubenszeugnis. Es wurde argumentiert, dass das Ergebnis des Prozesses von vornherein feststand und er deshalb gar nicht erst hätte erscheinen müssen. Für den Hierarchen ist dieses Argument nicht stichhaltig, da er es für notwendig hält, den Regeln der Kirche in jedem Fall Folge zu leisten. Er betont jedoch, dass er die Handlungen, die Vater Aleksej Uminskij angelastet werden, nicht von vornherein für verurteilungswürdig hält – aus Sicht des Metropoliten ist es jedoch umso bedauerlicher, dass der Geist der Kanones verletzt wurde und der Angeklagte sozusagen zu Recht verurteilt wird. Der Beklagte hätte also selbst – ganz unabhängig vom Ergebnis – im Sinne der Kanones handeln müssen. So lautet die Meinung des Hierarchen.

Um des tiefsten Friedens zwischen Mensch und Gott willen hat der Sohn Gottes, „der die Mauer der Feindschaft niedergerissen hat", die Kreuzigung „inmitten der Erde", im Zentrum der irdischen Existenz, auf sich genommen. Kein irdischer Friede kann ohne Christus Bestand haben. Zum Kreuz sei unser Blick gerichtet. Deshalb beten die Kleriker in der deutschen Diözese das Gebet für den Frieden – jenen Frieden, den Christus in diese Welt gebracht hat

Von diesem Gebet als wie vom Sieg Christi lasset unsere Seelen durchdrungen sein.


Gebet um Frieden für das Heilige Land und die Rus'

Herr Jesus Christus, unser Gott, der du für das Menschengeschlecht das Kreuz und den Tod erduldet, in den Hades hinabgestiegen das dreitägige Begraben-sein auf dich genommen hast, den Tod besiegt, den Teufel entmachtet und  die trennende Mauer der Feindschaft niedergerissen hast, nimm an das Gebet deiner demütigen Knechte, die vereint mit David, dem Psalmensänger, um Frieden für die heilige Stadt Zion flehen, den Thron des großen Königs, die Mutter der Kirchen, das herrliche Jerusalem.

Der du unserem Geschlecht den Frieden geschenkt hast, lass vergehen alle Zwietracht und Feindseligkeit im Heiligen Land und unter den slawischen Völkern, die aus der Taufe der Kiewer Rus' hervorgegangen sind. Besänftige den Zorn der Verfeindeten, schenke denen ein Heim, die ihres verloren haben, nähre die Hungrigen, stärke die Leidenden, lass ruhen die Getöteten.

Entzünde unsere Herzen mit dem Feuer der Liebe zu dir, Christus, unser Gott, damit wir, von ihr entflammt, mit Herz, Geist und Seele, und unsrer ganzen Kraft dich und unsren Nächsten lieben.

Denn du bist unser Friede, und dir senden wir die Verherrlichung empor, samt deinem anfangslosen Vater, und deinem allheiligen und guten und lebensspendenden Geiste, jetzt und immerdar, und in alle Ewigkeit. Amen.                                                      

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