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Orthodoxe Jugendbewegung in Europa: Erfahrung des 20. Jahrhunderts

Anmerkung der Redaktion:

Nachfolgend veröffentlichen wir einen leicht gekürzten Vortrag von Priester Alexej Veselov (Russische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats), der am 1. November 2024 in Hamburg auf dem orthodoxen Jugendkongress der Berliner und Deutschen Diözese des Moskauer Patriarchats gehalten wurde. Darin erörtert der Autor die Gründe für den Erfolg der Jugendbewegung sowie die Umstände, die zu ihrem Niedergang geführt haben.

Teilnehmer des ersten orthodoxen Jugendkongresses der Berliner und Deutschen Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche MP, 1. November 2024.
Teilnehmer des ersten orthodoxen Jugendkongresses der Berliner und Deutschen Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche MP, 1. November 2024.

Russische christliche Studentenbewegung – Voraussetzungen

Die russische orthodoxe Jugendbewegung begann in Europa mit dem Eintreffen der ersten Emigration nach der Oktoberrevolution 1917. Sie formiert sich bis 1923 und erhält den Namen Russische christliche Studentenbewegung, Abkürzung RCSB (russ. РСХД). Obwohl die Bewegung „christlich“ genannt wurde, war sie eben orthodox.Unter Emigrationsumständen fanden und finden viele Menschen in der Kirche geistigen Halt. Die Kirche hilft Krisen zu durchleben, die unweigerlich mit dem Abbruch des bisherigen Lebens und dem Beginn eines neuen einhergehen. Darüber hinaus wird die Kirche zu einem Ort der Begegnung, an dem man seine Sprache sprechen und in seiner Kultur verweilen kann. Sie wird mit der Heimat identifiziert, mit der wertvollen Vergangenheit.

Nikolai Zernov, damals Student der Universität Belgrad, erinnerte sich:

„Das leidenschaftliche Verlangen, nach Hause zurückzukehren, hinderte einerseits daran, ein neues Leben zu beginnen, verlieh andererseits aber moralische Kräfte zum Tragen des Kreuzes des Flüchtlingsdaseins. Dieser Widerspruch begünstigte die Hinwendung zur Kirche, die bereits in den ersten Monaten der Emigration eine außergewöhnliche Lebenskraft zeigte. … Wir beschlossen, uns zu versammeln, um unsere Erfahrungen zu teilen und gemeinsam uns interessierende Probleme zu erörtern… Unter uns fanden sich Menschen unterschiedlichen Ursprungs und verschiedener Ansichten: Moskauer und Odessaer, Monarchisten und Republikaner, strenge Eiferer der Überlieferung und kirchliche Liberale. Unsere Einheit fanden wir in der Kirche.“[1]

Priester Alexej Veselov
Priester Alexej Veselov

Die Bewegung wurde einerseits vom orthodoxen Klerus gegründet. Aktive Teilnehmer der Bewegung waren solche bekannten historischen Persönlichkeiten wie Metropolit Antoni (Chrapowizki), Metropolit Jewlogi (Georgijewski), Bischof Benjamin (Fedtschenkow), Bischof Wladimir (Tichonizki), Erzpriester Sergej Tschetwerikow, Erzpriester Alexander Kalaschnikow. Geistlich und praktisch führte die Bewegung Erzpriester Sergej Bulgakow an.

Andererseits emigrierte eine große Zahl von Theologen und Professoren. Höchst aktiv beteiligten sich Anton Wladimirowitsch Kartaschjow, Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew und viele andere mehr oder weniger namhafte Gelehrte.

Über diese Menschen schreibt Uljana Gutner in ihrer Studie zur RCSB:

„Von den Bolschewiki aus Russland ausgewiesen und in der Emigration gelandet, setzten die Akteure der russischen religiösen Renaissance ihre Lehr- und Verlagstätigkeit fort, bemühten sich, ihre Ideen weiterzuentwickeln, die in der Emigration noch deutlicher erklangen: der Aufruf der russischen Intelligenz zur Buße, die ihre Schuld an der Revolution erkennen müsse, die Anerkennung der russischen Katastrophe als geistige Krise des russischen Volkes, den Wiederaufbau des Staates durch den Wiederaufbau der orthodoxen Kirche. Den Sinn der russischen Emigration sahen sie in ihrer Berufung, die Kontinuität der russischen geistigen Kultur zu bewahren und zu ihrer kreativen Entwicklung beizutragen. Mehr noch, sie waren der Meinung, dass gerade in der Emigration, unter den Bedingungen der Freiheit, im Unterschied zur Unfreiheit des kommunistischen Russlands, sich die russische geistige Kultur ausdrücken könne und eine Ansammlung kreativer religiöser Kräfte für die künftige national-kulturelle Wiedergeburt Russlands stattfinden könne, und dass diese Ansammlung vor allem in der jungen Generation geschehe. Die Idee der kreativen Metamorphose der Kultur durch das Wachstum des geistlichen Lebens bildete das Wesen des Begriffs ‚Verkirchlichung des Lebens und der Kultur‘, der später zur konzeptuellen Grundlage der RCSB wurde.“[2]

Die erste Konferenz

Die RCSB formierte sich auf der gesamteuropäischen russischen Studentenkonferenz, die vom 1. bis 8. Oktober 1923 unweit von Prag, in der kleinen Stadt Přerov, stattfand. Sie ging als „Erster Přerover Konferenz“ in die Geschichte ein. Interessant ist, dass bei der Konferenz nur 35 Teilnehmer seitens der Jugend, aber 3 Bischöfe und 12 Professoren anwesend waren, darunter Georgij Florowski, Anton Kartaschow, Nikolai Berdjajew, Erzpriester Sergej Bulgakow und andere. Bemerkenswert ist, dass gerade die zahlreiche, aktive und engagierte Teilnahme des Klerus am Bewegungsgeschehen der Schlüssel zu ihrem Erfolg war. Das Programm der Konferenz umfasste gemeinsame Gottesdienste, Gespräche über das Evangelium, Vorträge und Freizeit.

Kongressteilnehmer, 1929. Archiv des Hauses des russischen Exils
Konferenzteilnehmer, 1929. Archiv des Hauses des russischen Exils

Auf der Konferenz wurde die Entscheidung getroffen, die RCSB als Organisation zu gründen. Ein Jahr später wurden ihre Ziele wie folgt formuliert:

„Die Russische Christliche Studentenbewegung in Europa setzt sich zum Ziel, religiöse Fragen in der Jugend zu wecken, die Aufmerksamkeit auf Fragen des Glaubens zu lenken und das geistliche Leben zu stärken. Zu diesem Zweck strebt sie die Annäherung und Vereinigung der Jugend auf der Grundlage des gemeinsamen Studiums des Wortes Gottes, der nach Kräften zu vertiefenden kirchlichen Bewusstseinsbildung im Geist der Orthodoxie zum Zwecke der Verkirchlichung ihrer selbst und ihres Lebens an.“[3]

„Für die Jugend wurde die Přerover Konferenz zur Offenbarung über die Orthodoxie, über die Kirche, und, was besonders wichtig ist, es kam zu einer Begegnung der Studenten mit Bischöfen und Professoren, dank dieser Begegnung wurde die geistige Kontinuität bewahrt. Die Teilnahme in Přerov der Professoren – Vertreter der religiös-philosophischen Gedankenwelt – verband die Bewegung mit der reichen Tradition des russischen religiösen Denkens, was sie nicht nur bereicherte, sondern auch das Verständnis der Bewegungsaufgaben vertiefte.“[4]

Der in dieser Zielsetzung erwähnte Ausdruck „Verkirchlichung seiner selbst und seines Lebens“ wird zum Schlüssel-Leitmotiv der Bewegung. Uns ist das Wort der Integration in die Kirche (rus. воцерковление) gut vertraut, doch meint es eher den ersten Eintritt in die Kirche. Ein Mensch ging nicht in die Kirche, dann begann er es zu tun und wurde in die Kirche integriert. Der Begriff „Verkirchlichung“ (rus. оцерковление) hat einen tieferen Sinn. Gemeint ist „die Metamorphose im Lichte der Lehre der Kirche nicht nur der persönlichen, sondern auch der gesellschaftlichen, kulturellen, nationalen und staatlichen Lebenssphären: ‚Wirtschaft und Berufsleben… die soziale Frage… Wissenschaft und Kunst… all dies gehört, nach den Worten von Vater Sergej Bulgakow, Christus, all dies soll Formen kirchlichen Dienstes werden.‘“[5]

„W. W. Zenkowskij schrieb, dass ‚Verkirchlichung‘ mehrere miteinander verbundene Richtungen der geistigen Entwicklung jedes Menschen in sich vereine: religiöse Aufklärung und Bildung – zur Schaffung eines ganzheitlichen religiösen Weltbildes, persönliche asketische Bemühungen eines jeden als innere Arbeit an der Verwandlung seines geistigen Lebens, Teilnahme am Leben der Kirche und ihren Sakramenten, d. h. die Verbindung mit der Kirche durch die Sakramente.“[6]

Im engeren Sinne ging es also darum, dass sein ganzes Leben mit Christus zu verbinden. Damit alle Lebensentscheidung auf evangelischen Prinzipien und Geboten beruhten. Damit der Mensch nicht nur in der Kirche fromm wäre, sondern damit sein ganzes Leben in all seinen Erscheinungen – Arbeit, Familie, Freizeit – auf christlicher Grundlage gestaltet würde. Im breiteren Sinne wäre das Ziel die Integration von Gesellschaft, Kultur, Bildung in die Kirche – allgemein gesagt, Kampf gegen den Säkularismus.

Hier ist jedoch wichtig zu betonen, dass

„die Verwirklichung der Ideen der Integration des Lebens in die Kirche wiederum stets auf Russland gerichtet war. Die Bewegung war untrennbar verbunden nicht nur mit der Russischen Orthodoxen Kirche, sondern auch mit dem russischen Volk und Russland, trotz des Exils. Ein bedeutender Teil der russischen Emigration lebte mit dem nationalem Selbstbewusstsein und dem Streben, die russische Sprache und Kultur zu bewahren, auch unter der Jugend und der heranwachsenden Generation. In der Bewegung war man der Meinung, dass das Wichtigste sei – nicht nur Wissen über Russland anzusammeln und eine romantische Einstellung zu Russland zu bewahren, sondern in der heranwachsenden Generation die Idee des Heimatdienstes zu erziehen und sie auf diesen Dienst vorzubereiten. Die Bewegung selbst erstrebte das Ziel, jene Plattform zu werden, auf der die Vereinigung gesunder kreativer Kräfte für den christlichen Dienst am russischen Volk stattfinden könnte.“[7]

Konferenzen

Jugendkonferenzen waren für die RCSB das wichtigste Arbeitsinstrument. Einmal im Jahr wurde eine gesamteuropäische Konferenz einberufen. Darüber hinaus fanden regelmäßige lokale Konferenzen in einzelnen Ländern statt, darunter auch in Deutschland. Die Konferenzen hatten mehrere Aspekte – liturgische, bildende und persönliche. Wie einer der Teilnehmer schrieb: „Die Mitglieder der Bewegung und ihre Freunde kommen zusammen und verbringen eine Woche im Gebet, im Nachdenken über Gott und in freundschaftlicher Gemeinschaft, und sie krönen diese Arbeit mit einer gemeinsamen Beichte und der Kommunion der hl. Mysterien.“

Konferenz in Boissy, 1935. Im Vordergrund: Vr. S. Bulgakov, links von ihm: Vr. W. Zenkovskij, rechts: Vr. S. Chetverikov. Im Hintergrund: B. Vyscheslavtsev, Maria (Skobtsova), L. Zander u. a.
Konferenz in Boissy, 1935. Im Vordergrund: Vr. S. Bulgakov, links von ihm: Vr. W. Zenkovskij, rechts: Vr. S. Chetverikov. Im Hintergrund: B. Vyscheslavtsev, Maria (Skobtsova), L. Zander u. a.

Die RCSB verstand sich in erster Linie als eine geistliche Bewegung, daher stand der Gottesdienst im Mittelpunkt aller Konferenzen und Arbeitsreise. An den Gottesdiensten nahmen alle Teilnehmer teil. Bei der Liturgie bemühte man sich, dass alle gemeinsam die hl. Kommunion empfingen, was zur Einigung in Christus führte. Einen großen Beitrag für die Liebe zum Gottesdienst leistete Erzpriester Sergej Bulgakow. Seine einzigartige Fähigkeit, die Liturgie inspiriert zu zelebrieren, und seine feurigen Predigten schufen die entsprechende Gebetsatmosphäre bei den Konferenzen.

Der zweite Teil der Konferenzen waren Vorträge und Gespräche über Themen aus dem Evangelium. Viele Teilnehmer der Bewegung waren nicht in die Kirche integriert, und lasen das Evangelium zum ersten Mal. Daher wurde dem Studium des Evangeliums viel Zeit gewidmet. Doch es gab auch Vorträge zu theologischen, historischen und für damals aktuellen Themen.

Die dritte Komponente war selbstverständlich die persönliche Kommunikation der Teilnehmer. Die meisten von ihnen waren über verschiedene Städte verstreut und hatten bei den Treffen die einzigartige Möglichkeit, unter den eigenen Leuten zu sein, Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen.

Wichtig ist zu betonen, dass die Konferenzen trotz der Zeit für persönliche Begegnungen nicht einfach eine Freizeitgestaltung waren. Dem Gebet, dem geistlichen, bildenden und dem intellektuellen Aspekt wurde stets der zentrale Platz eingeräumt. Neben Studenten trat im Laufe der Zeit auch die bäuerliche Jugend in die Bewegung ein, doch das Bildungsniveau wurde bewusst nicht gesenkt.

Jugendkreise

Die zweite Säule des Lebens der RCSB waren die Jugendkreise. Sie wurden in den Städten organisiert und wöchentlich durchgeführt. Diese Jugendkreise besuchten junge Menschen und die Leiter der Jugendkreise. In den Jugendkreisen wurde gemeinsam gebetet, das Evangelium studiert, sich unterhalten. Obwohl ich in meinem Vortrag darauf nicht ausführlicher eingehen werde, muss gesagt werden, dass die wöchentlichen Jugendkreise die tragende Kraft der Bewegung waren, die es ermöglichte, das Programm der Bewegung in die Breite zu tragen. Auf ihrem Höhepunkt gehörten zur Bewegung über 500 Personen an und sie besuchten die Jugendkreise.

Die Bewegung führte auch spezialisierte Konferenzen durch: Kurse zur intensiven Vorbereitung der Kreisleiter.

Die Jungenmannschaft „Vityazi“ in Narva, Estland. 12.02.1933
Die Jungenmannschaft „Vityazi“ in Narva, Estland. 12.02.1933

Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

In den 1930er Jahre wurde offensichtlich, dass eine Rückkehr in die verlassene Heimat in naher Zukunft nicht möglich sein würde. Da Kinder in die Emigration gekommen waren und später Familien gegründet wurden, in denen wiederum Kinder geboren wurden, stand die RCSB vor der Aufgabe, die neue Generation zu erziehen und ihr die kirchliche Tradition und das „Russischsein“ zu vermitteln. Zu diesem Zweck richtete die Bewegung Sonntagsschulen in den Städten ein und führte Kinder- und Jugendlager durch.

Deutschland

Zu Beginn der 1920er Jahre kamen eine große Zahl von Emigranten nach Deutschland, über eine halbe Million Menschen. Doch aufgrund der Ausbreitung des Nationalsozialismus wurde Deutschland immer weniger zum Leben geeignet. Deshalb verließen es viele und siedelten in die USA oder andere Länder über. So blieben bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 nur noch 50 000 Personen mit russischen Pässen. Aus diesem Grund erlosch die Tätigkeit der RCSB in Deutschland mit der Zeit. Doch in den 1920er und frühen 1930er Jahren war sie aktiv. So nahmen an der Konferenz im Jahre 1932 110 Personen teil. In Deutschland gab es Jugendkreise in Berlin, Dresden und Freiberg. Pfadfinderabteilungen bestanden bis zum Ende der 1930er Jahre, im Sommer wurden Kinderlager veranstaltet.

Niedergang

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs kam die Tätigkeit der RCSB zum Erliegen. Viele Teilnehmer siedelten in die USA über, wo sie die Jugendarbeit fortsetzten. In Europa hat sich die Organisation bis heute nur in Frankreich in einem kleinen Format erhalten. Nun heißt sie RCB, d. h. sie richtet sich nicht mehr nur an Studenten.

Dennoch ist anzumerken, dass der Niedergang der Bewegung nicht nur durch den Europa erschütternden Krieg verursacht war und eigentlich lange vor dessen Beginn anfing.

In den 1970er Jahren schrieb der schon erwähnte Leiter der RCSB Sjornow mit Bedauern: „In den 50 Jahren ihres Bestehens hat die Bewegung das Leben der Kirche weder mit neuen Gottesdienstformen noch mit besseren Übersetzungen der Gottesdienste, noch mit Gebeten bereichert, die die Leiden widerspiegeln, die die orthodoxen Christen erlitten haben.“ Ursache für derartige Trägheit, trotz der einzigartigen Bedingungen der Freiheit und der Schaffung einer theologischen Schule, war die ständige Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat. Die übliche Ausrede lautete: „Man sollte nichts ändern, solange wir nicht nach Russland zurückkehren; nur dort werden alle Veränderungen rechtmäßig.“ Kostbare Zeit wurde verspielt, Möglichkeiten nicht genutzt.[8]

So war eine der Ursachen des Niedergangs der Bewegung ihr nationaler Charakter; sie war nicht nur auf Kirchlichkeit, sondern auch auf das „Russischsein“ der Teilnehmer ausgerichtet. So schrieb zum Beispiel Bulgakow in seinen Eindrücken von der ersten Přerover Konferenz:

„Untrüglich spürt man, dass hier ein wichtiges russisches Werk geschieht.“[9]

Die Leiter der RCSB bemühten sich, die Jugend so zu erziehen, dass sie auf Russland und auf die Rückkehr dorthin ausgerichtet sei. Doch die jungen Emigranten passten sich weitaus besser als die ältere Generation an die neue Umgebung an. Sie erhielten eine lokale Ausbildung, lernten die Sprache, fanden Arbeit, gründeten Haushalte und Familien, auch Mischehen. Mit anderen Worten: der Alltag richtete sich ein. Und obwohl viele von ihnen sich als Russen verstanden und die russische Kultur bewahrten, war die Rückkehr in die Heimat für sie nicht die einzige Option der Lebensgestaltung. Und ihre Kinder, die in der neuen Umgebung geboren wurden, verloren die Bindung an die Vergangenheit immer mehr. Die RCSB, die neben dem religiösen auch den nationalen Aspekt auf die gleiche Ebene stellte, hörte auf, den Bedürfnissen der Jugend zu entsprechen. In gewissem Maße stellte sie die Teilnehmer vor die Wahl – entweder du bist Russe und orthodox, oder du gehörst nicht zu uns.

Diese schmerzliche Frage steht seit damals und bis heute vor jeder Migrantengemeinde. Wir sehen, dass in Gemeinden, in denen Nationalität und Religion untrennbar verflochten sind, nur die ältere Generation verbleibt. Die meisten Kinder, die im neuen Land aufwachsen, identifizieren sich nicht mehr mit der Heimat ihrer Eltern – zumindest nicht in dem Maße wie diese. Daher fühlen sich junge Menschen in einer national geprägten Gemeinde nicht mehr heimisch. Mehr noch – die Orthodoxie nehmen sie als Teil der Kultur der Eltern wahr, in unserem Fall als Teil des „Russischseins“. Es findet eine Akzentverschiebung statt: von der Orthodoxie als universalen Glauben, der sich an alle Menschen unabhängig von ihrer Nationalität, Kultur oder Staatsangehörigkeit richtet, hin zu einer Nationalreligion eines bestimmten Volkes.

Sowohl die Geschichte der RCSB als auch die Geschichte der Emigration der letzten hundert Jahre zeigt, dass es nur einem kleinen Teil der Familien gelingt, in der Emigration die nationale Selbstidentifikation zu bewahren. Der größere Teil der Kinder assimiliert sich im neuen Land, seiner Kultur und Sprache. Leider muss ich beobachten, dass viele neue Emigranten keine Schlussfolgerung aus der Geschichte machen. Bis heute ist von einigen Vorstehern orthodoxer Gemeinden zu hören: „Das Wichtigste ist, die russische Sprache zu bewahren.“ Statt den Akzent auf die Orthodoxie als wahren Glauben zu setzen und sie ideell von der nationalen und kulturellen Zugehörigkeit zu trennen, es möglich zu machen, dass man nicht Russe, aber doch orthodox ist, wird immer wieder versucht, die Kinder durch die kulturelle Zugehörigkeit im Glauben zu halten.

Es gibt jedoch auch andere Beispiele, wie etwa die OCA, die Orthodoxe Kirche in Amerika, in der die Gottesdienste auf Englisch gefeiert werden, in der, wenn überhaupt, nur sehr gebrochenes Russisch gesprochen wird, die Kirchen aber dennoch voll sind – sowohl mit Nachkommen der ersten Emigrationswelle als auch mit der örtlichen Bevölkerung, die zur Orthodoxie konvertiert sind. Als Beispiel in Europa kann der Pariser Exarchat angeführt werden, dem es ebenfalls über viele Jahrzehnte gelang, die Orthodoxie in Frankreich und einigen anderen Ländern zu bewahren, wobei aber in vielen Kirchen die Gottesdienste auf Französisch gefeiert werden.

Im Kontext der nationalen Kultur könnte man kurz die liturgische und die Gemeindesprache ansprechen. Das ist vielleicht ein noch brisanteres Thema als die Nationalität. Die ältere Generation der Emigranten, wie erwähnt, weigerte sich die Landessprache zu erlernen, da sie die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die Heimat hatte. Doch selbst diejenigen, die sie lernten, konnten sie selten in Perfektion beherrschen, besonders nicht auf dem Niveau, auf dem frei mit der Jugend Fragen des Daseins und theologische Themen besprechen konnten. Die jungen Menschen aber hingegen verloren die Muttersprache und sprachen sie nur auf Alltagsebene. So hörte die Jugend auf, die Älteren zu verstehen, und die Älteren, ihre sprachliche Inkompetenz schmerzlich erlebend, verschlossen sich und bestanden wenig erfolgreich darauf ihre Muttersprache zu bewahren.

In russischen Gemeinden kommt nach dazu die Einstellung zum Kirchenslawischen als zur sakralen Sprache. Für Menschen, die in der Kirche aufgewachsen sind und die slawische Sprache studiert haben, ist sie nahe und wichtig. Für Kinder und Jugendliche jedoch, die selbst die russische Sprache nur auf dem Alltagsniveau beherrschen, ist der kirchenslawische Gottesdienst wenig zugänglich. Ich führte eine Umfrage unter den Jugendlichen einer rein russischen Gemeinde durch. 70 % der Befragten gaben an, dass sie nur 10 % des Gottesdienstes verstehen würden. Gelingt es nicht, den jungen Menschen Russisch auf gutem Niveau zu vermitteln, so werden sie erst recht kein Kirchenslawisch lernen. Es kommt zu einem Dilemma. Einerseits ist die kirchenslawische Sprache existenziell wichtig für die ältere Generation und zweifellos ein kostbares Erbe der russischen Kirche. Andererseits wird gerade sie zum Hauptstolperstein bei der Integration der Jugend in die Kirche.

Sekretär der RCSB Sander schrieb nach einer Konferenz der bäuerlichen Jugend:

„Gerade während dieser Gottesdienste auf der Konferenz spürt man mit besonderer Klarheit, bis hin zu Sorge und Schmerz, die Notwendigkeit der Umgestaltung der Gottesdienstsprache, die Notwendigkeit, sie der ‚Gegenwart‘ anzunähern, entweder durch die Erneuerung der veralteten Teile der slawischen Wendungen oder durch eine neue, grammatisch und syntaktisch ‚freiere‘ Übersetzung.“[10]

Eine weitere Ursache für den Niedergang der RCSB war die Indifferenz der jungen Menschen gegenüber geistlichen Fragen.

Uljana Gutner beschreibt dies folgendermaßen:

„Die Leiter der Bewegung, im meinten zu Recht, dass die Wahl des Glaubens frei erfolgen müsse, bemühten sich der Jugend die künstlerische Freiheit beizubringen; ihre Hauptaufgabe sahen sie in der Schaffung jenes kirchlichen Umfeldes, in dem die Integration der Jugend in die Kirche stattfinden sollte. Dabei zählten die Leiter auf die Aktivität der Jugend selbst, erwarteten von ihr, dass sie zur Entwicklung der Jugendkreise beitrage und Initiative in der missionarischen und sozialen Tätigkeit zeige. Die Schaffung eines solchen Milieus und sein Einfluss auf die Jugend spielte und spielt eine bedeutende Rolle bei der Erziehung der Jugend im orthodoxen Glauben, doch die eigentliche Integration in die Kirche hängt vom persönlichen Entschluss und der persönlichen Erfahrung eines jeden ab. Am Beispiel der RCSB kann man sehen, dass das Vorhandensein eines solchen Milieus half, die ersten Schritte in Richtung Kirche zu tun, zum Glauben zu kommen und eine persönliche Wahl zu treffen, doch die Mehrheit der jungen Menschen blieb auf der Ebene der Annahme äußerer Frömmigkeit stehen. Die Jugend der russischen Emigration zeigte kein großes Interesse weder an Religion noch an Politik. Die Lösung der Probleme, die mit der Gestaltung des persönlichen Lebens verbunden sind – Familiengründung, Abschluss des Studiums und die Suche nach einer stabilen Arbeit, die Schaffung des eigenen geordneten Alltags war besonders schwierig für Emigranten,– all das, für die Mehrheit der Jugend, steckte in den Schatten geistliche Fragen und diente als Hauptgrund für die Abkehr von der Bewegung.“[11]

„Auch Metropolit Jewlogi (Georgijewski) beobachtete mit Bedauern die Abkühlung der religiösen Begeisterung bei der Jugend und sagte, dass es nicht genüge, den Glauben zu erwerben; es bedürfe den täglichen Kampf des Bekenntnisses des Glaubens im eintönigen Alltagsleben, doch für das Leben im Glauben habe es der Jugend ‚an Eifer gemangelt‘.“[12]

Früchte

Trotz des oben Gesagten brachte die Bewegung viele Früchte. Unbestreitbar ist, dass viele der Teilnehmer dank der Bewegung die Verbindung zur Kirche bewahrten oder dank ihr in die Kirche integriert wurden. Nicht alle wurden zu aktiven Mitgliedern der Bewegung, nicht alle Missionare und Prediger. Doch für viele bestimmte die Teilnahme an der RCSB den Weg der Integration in die Kirche und des Kirchenlebens.

Die Bewegung war auf die Erziehung einer kirchlichen Intelligenz, einer Elite, ausgerichtet. In dieser Hinsicht konnte sie nicht zahlreich sein. Ihre Ziele wurden teilweise erreicht: Die Bewegung gab der Kirche viele orthodoxe Bischöfe: Archim. Isaakij (Winogradow), Archim. Sawwa (Struwe), Erzb. Wassilij (Kriwoschein), Metr. Antoni (Bloom), Erzb. Silvester (Charun); sowie Priester und Theologen, Ikonenmaler, Aktive Laie der orthodoxen Kirche, etwa Erzpriester Nikolai Afanassjew, P. Jewdokimow, I. Smolitsch.“Der berühmte Metropolit Antoni von Surosh (Bloom) wurde in einem Pfadfinderlager der Bewegung in die Kirche integriert und wurde zum aktiven Mitglied der RCSB. Auch einer meiner Lieblingskirchenautoren, Erzpriester Alexander Schmemann, verbrachte seine Kindheit und Jugend in der RCSB und wurde in Folge zum Begründer der Bewegung der eucharistischen Renaissance.

Besonderer Erwähnung bedarf, dass unter den Mitgliedern der Bewegung auch kanonisierte Heilige waren: die hl. Maria (Skobzowa), Priester Dimitrij Klepinin, I. A. Lagowski, sie waren Mitglieder von Jugendkreisen und Leiter der RCSB.

Iwan Arkadjewitsch Lagowski
Iwan Arkadjewitsch Lagowski

Gerne möchte ich als Beispiel das Leben des uns wenig bekannten Iwan Arkadjewitsch Lagowski anführen. Iwan wurde 1889 in Kostroma geboren, emigrierte 1919 nach Frankreich, danach studierte er in Prag. Dort erfuhr er von der RCSB und wurde bald in die Bewegung hineingezogen. Mit der Zeit wurde er zum Sekretär der Zentralverwaltung der Organisation und Redakteur der Zeitschrift „Bote der RCSB“ (rus. Вестник РСХД), in der er über 50 Artikel veröffentlichte. 1933 zog Iwan mit seiner Familie nach Estland, lebte in Tartu, lehrte an der Universität und setzte die aktive Tätigkeit in der Bewegung fort. Nach der Besetzung Estlands durch die Sowjetunion wurde er verhaftet und im „Fall der Aktivisten der RCSB in Estland“ zum Tode verurteilt. Am 11. Mai 2012 wurde Johannes (Iwan) vom Heiligen Synod des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel heiliggesprochen.[13] Heiliger Märtyrer Johannes, bitte Gott für uns.

Er und andere genannte Kleriker und Theologen, die in der RCSB erzogen wurden, dienten als Multiplikatoren des geistlichen Erbes der Bewegung, die in Folge viele Menschen zur orthodoxen Kirche geführt hatte.

Darüber hinaus sandte die Bewegung in Zusammenarbeit mit YMCA-Press viele orthodoxe Bücher in die UdSSR. Es wurde die Zeitschrift „Bote der RCSB“ herausgegeben, in der neben Berichten über die Tätigkeit der Bewegung viele gute theologische Artikel veröffentlicht wurden. Später wurde sie in „Bote der RCB“ (rus. Вестник РХД) umbenannt und erscheint bis heute in Frankreich.

Abschließen möchte ich mit den Worten des Erzpriesters Sergej Bulgakow, die er auf der zweiten Konferenz der RCSB gesagt hatte, die Konferenz fand in der deutschen Stadt Sternberg, unweit von Hamburg statt:

„Der Herr spricht zu uns allen, wie Er zu den Aposteln sprach. Doch wie Er ein besonderes Wort für Maria hatte, so hat Er auch einen besonderen Aufruf an jeden von uns. Wir sind für diese Konferenz auserwählt worden; lasst uns in ihr den Ruf Christi zu einem größeren Dienst erkennen.“[14]

[1] Зёрнов H. M. Русское религиозное возрождение XX века. Paris 1991. S. 78. Zitiert das Buch von Gutner S.70

[2] Gutner, S. 45-46

[3] Хроника жизни Движения // Вестник РСХД. 1926. Nr. 11 S. 26, Zitiert nach Gutner S.113

[4] Gutner S.117

[5] Ebenda S.38

[6] Ebenda S.134

[7] Ebenda S. 140

[8] Зёрнов Н. М. Русское студенческое христианское движение за рубежом // Русская религиозно-философская мысль XXвека. Pittsburg 1975. S. 96. Zitiert nach Gutner S. 222

[9] Булгаков Cергий, прот. Из памяти сердца. Prag (1923-1924) / Veröff. Und Komm. А. Козырева и Н. Голубковой, при уч. М. Колерова // Исследования по истории русской мысли: Ежегодник за 1998 год / Под ред. М. А. Колерова. M.: OGI, 1998, S. 105-256. Zitiert nach Gutner S. 112.

[10] Хроника жизни Движения // Вестник РСХД. 1935. Nr. 6-7, S. 31. Zitiert nach Gutner S. 222

[11] Gutner, S. 323

[12] Ebenda S. 324

[14] Lowrie D. Russian Student Christian Conference. Smecno-Sternberk, Czechoslovakia. July 16-23 1923. Zitiert nach Gutner, S. 94

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