Die Vergangenheit verstehen, um Antworten für die Gegenwart zu finden
- Der Bote
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In München fand eine internationale wissenschaftliche Konferenz zum 100-jährigen Jubiläum der Deutschen Diözese der ROKA statt
Autor: Protodiakon Varfolomey Bazanov
In München fand eine kirchlich-wissenschaftliche Jubiläumskonferenz statt, die dem 100-jährigen Bestehen der Deutschen Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland gewidmet war. Das Forum wurde nicht nur zu einem Rückblick auf das denkwürdige Datum, sondern auch zu einem ernsthaften Versuch, den historischen Weg der Diözese zu reflektieren – von den ersten russischen Emigranten-Gemeinden bis zum modernen mehrsprachigen und missionarischen Leben der Orthodoxie in Deutschland. Hauptthema der Konferenz war die Schau der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Deutschen Diözese. Die Überlegungen zum Jubiläumsleitsatzes, die später in die Lösung „Erbe und Berufung“ mündeten, waren: „Meilensteine des Jahrhunderts: Reflexion des historischen Weges“, „Licht des Glaubens, Geschichte und Gegenwart“, „Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Deutschen Diözese“ — sie alle drückten das gemeinsame Anliegen des Forums aus: die historische Erinnerung mit der kirchlichen und kritischen Selbstreflexion und dem Nachdenken über den Platz der Orthodoxie in der modernen westlichen Gesellschaft zu verbinden.
Die Konferenz wurde mit einem Konzert des Münchner Kathedralchors eröffnet. Mit einem Begrüßungswort an die Teilnehmer wandte sich der mitrophore Erzpriester der Kathedrale, Nikolai Artemoff. Dann eröffnete der Ersthierarchder Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA), Seine Eminenz Nikolai, Metropolit von Ostamerika und New York, offiziell das Forum. In seiner Ansprache betonte er, dass die hundertjährige Geschichte der Deutschen Diözese ein Zeugnis für die Treue zu Gott und der Kirche ist, die von der russischen Emigration unter den Bedingungen von Verbannung und Zerstreuung bewahrt wurde. Das Oberhaupt der Kirche sah die Aufgabe der Konferenz nicht nur darin, an ehemalige Mühen zu erinnern, sondern auch im Jetzt den lebendigen Glauben, die brüderliche Einheit und die kirchliche Gemeinschaft zu stärken. An der Eröffnung der Konferenz nahm auch der Vorsitzende des Kirchlichen Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Antonij von Volokolamsk, teil.

Seine Eminenz Mark, Metropolit von Berlin und Deutschland, bemerkte, dass die Russische Auslandskirche sich nie als ausschließlich nationale Struktur verstanden hat: „Die ROKA ist keine eng nationale Kirche, sondern eine Kirche, die alle Grenzen überwindet“, betonte der Leiter der Deutschen Diözese. Er wies auch auf die tiefe Verwurzelung des Orthodoxen Glaubens in der deutschen Gesellschaft und Kultur hin und erinnerte an die Bedeutung des Gebetslebens und der Teilnahme am Gottesdienst als Grundlage des kirchlichen Daseins. Die Grußbotschaft von Metropolit Serafim, dem Haupt der Rumänisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland, wurde von seinem Vikarbischof Sofian von Kronstadt verlesen. Im Grußwort wurde die besondere Rolle der Russischen Auslandskirche bei der Bewahrung der orthodoxen Tradition in Europa sowie die Bedeutung der interorthodoxen Zusammenarbeit hervorgehoben.

Eine wichtige Besonderheit der Konferenz war das Bestreben, die Geschichte der Deutschen Diözese nicht als innere Chronik zu betrachten, sondern als Teil breiterer Prozesse des 20. Jahrhunderts: der russischen Emigration, der kirchlichen Zerstreuung, des Krieges, der totalitären Regimes, des Wiederaufbaus nach dem Krieg, der Beziehungen zum Staat und der schrittweisen Überwindung kirchlicher Spaltungen. Wie der Organisator der Konferenz, Protodiakon Andrei Psarev, Professor am Holy Trinity Seminary in Jordanville, USA, bemerkte, dauerte die Vorbereitung des Forums fast ein Jahr, und das Thema der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts erfordert sowohl wissenschaftliche Verantwortung als auch kirchliche Sorgfalt: Die Geschichte solle weder zur Ideologie noch zum Mythos werden, sondern Raum geben für ein ehrliches kirchliches Verständnis der Vergangenheit.
Einen besonderen einleitenden Platz im Programm hatte der historische Überblick, den der Erzpriester Nikolai Artemoff, eröffnete. Hier wurde Kirchengeschichte und persönliches Erleben vereint. Nachgezeichnet wurde der Weg von den Barackenkirchen der Nachkriegszeit und den damaligen Emigrantengemeinden hin zur Bildung neuer Gemeinden, zur Umsiedlung der Russlanddeutschen, zur Weitung der deutschsprachigen Gottesdienste und schließlich zur Überwindung der Trennung innerhalb der Russischen Kirche. Dank der Verbindung von Archivmaterial mit persönlichem Zeugnis erschloss dieser Vortrag eine Sicht auf die Geschichte der Diözese, sich nicht auf eine Abfolge von Daten und Ereignissen beschränkt war, sondern das Schicksal konkreter Menschen, Gemeinden und Generationen integrierte.
Den Festvortrag der Konferenz - „Zwischen Regime-Flucht und kultureller Begegnung, zwischen pastoraler Kontinuität und demographischem Wandel. Die Deutsche Diözese der ROKA in ihrem Selbstverständnis“ - hielt Bischof Hiob von Stuttgart. Mittelpunkt war die Mission der ROKA in Deutschland sowie die Frage nach der orthodoxen Identität in der westlichen Gesellschaft. Der Bischof stellte die grundsätzliche Frage, ob die Orthodoxie in Deutschland als „Fremdkörper“ zu sehen ist, oder ob sie vollgültig Wurzeln im Leben des Landes schlägt? Bischof Hiob wies die Vorstellung zurück, die Orthodoxie sei ein vorübergehendes oder ausschließlich die Emigration betreffendes Phänomen. Er erinnerte an die Entwicklung der orthodoxen Tradition in Deutschland bereits im 19. Jahrhundert – an die Schönheit russischer Kirchen, an die Übersetzungen liturgischer Texte ins Deutsche durch den Erzpriester Alexei Maltsev und vor allem an die vielen Menschen der Kirche, durch deren Bemühungen die Orthodoxie zu einer lebendigen spirituellen Erfahrung für die deutsche Gesellschaft wurde. Damit wurde die Geschichte der Deutschen Diözese nicht als Geschichte der Isolation dargestellt, sondern als Geschichte der wachsenden Verwurzelung der orthodoxen Tradition im deutschen kulturellen und religiösen Umfeld. Einer der zentralen Gedanken des Vortrags war das Verständnis der hundertjährigen Beständigkeit der Deutschen Diözese nicht etwa nur als Ergebnis menschlicher Anstrengungen, sondern auch als Ausdruck göttlicher Vorsehung. Trotz der politischer Umwälzungen, des äußeren Drucks und auch der inneren Konflikte blieb die Tätigkeit der Russisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland auf ein einziges Ziel ausgerichtet – Kirche Christi und Trägerin einer tausendjährigen orthodoxen Tradition zu sein.
Am ersten Tag der Konferenz wurde auch die der Geschichte der Diözese gewidmete Ausstellung eröffnet. Archivfotos, Dokumente und Materialien aus dem Gemeindeleben ermöglichten es den Teilnehmern, den Weg der Kirche durch Kriege, Emigration, das geteilte Deutschland und die Gegenwart nachzuvollziehen. Die Ausstellung war eine anschauliche Ergänzung zu den Vorträgen: Sie erinnerte daran, dass die Kirchengeschichte nicht nur in offiziellen Dokumenten bewahrt wird, sondern auch in den Gesichtern, in Gottesdienstbüchern, in Gemeindefotos, in Briefen, in Erinnerungen und in den bescheidenen Zeugnissen alltäglicher Treue. Die Ausstellung soll im Laufe des Jahres die Gemeinden der Diözese besuchen. Kostbare Perlen sind hier die Porträts sämtlicher Diözesanbischöfe gezeichnet mit der Hand des Professors für Kunstgeschichte der Universität von Charkow, der jetzt in Italien lehrt, Vitalij Zherdev – auch Autor von Büchern und Artikeln über die orthodoxen Kirchen im Ausland.

Der zweite Tag der Konferenz war spezifisch historischen Vorträgen und Diskussionen gewidmet. Erster Referent war Protodiakon Andrei Psarev. In seinem Vortrag „Ausgangspunkt – Deutschland. Wissenschaftlicher Diskurs und ehrliche Aufarbeitung der Kirchengeschichte“ betrachtete Vater Andrej die Deutsche Diözese der ROKA nicht nur als geografischen Raum, sondern als wichtigen Ausgangspunkt für das kirchliche Gedächtnis, den historischen Dialog und die Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen der ROKA und dem Moskauer Patriarchat. Nach Ansicht des Referenten ist es unzulässig, die Geschichte der Russischen Kirche des 20. Jahrhunderts auf einen apologetischen Mythos oder polemische Anschuldigungen zu reduzieren: Sie erfordert eine ehrliche, wissenschaftlich fundierte und zugleich kirchlich taktvolle Auseinandersetzung mit Leid, Kompromissen, Vertreibung, Treue und der providenziellen Bewahrung der Kirche. Dieser Vortrag gab den Ton für die weiteren Vorträge und Diskussionen vor. Wie Protodiakon Andrei Psarev anmerkte, sind Konferenzen wie die Münchner eine Form der Konziliarität und des Dienstes am kirchlichen Gedächtnis: Sie helfen dabei, Doppelmoral zu überwinden, unterschiedliche historische Erzählungen anzuhören und die Gegenwart der ROKA durch eine verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit ihrer komplexen Vergangenheit zu verstehen.

Unter den Gästen befanden sich Erzbischof Tichon von Ruza, der die Diözese von Berlin und Deutschland des Moskauer Patriarchats leitet, sowie mehrere Geistliche des Moskauer Patriarchats, die sich aktiv an den Diskussionen beteiligten. Erzbischof Tichon betonte die Bedeutung solcher Treffen als Raum für lebendigen Austausch, gegenseitiges Zuhören und gemeinsame kirchliche Reflexion.

Der zweite Referent war Dr. Scott Kenworthy – Professor am Lehrstuhl für Vergleichende Religionswissenschaft der Miami University in Oxford, Ohio, USA. Professor Kenworthy analysierte im Vortrag „The Relationship between Patriarch Tikhon and the Church Abroad and the Establishment of the German Vicariate, 1920-1926“ die Beziehungen von Patriarch Tichon zur Russischen Auslandskirche und zeigte auf, dass ein unterschiedliches Verständnis des Status der ROKA die Hauptursache für Spannungen war: Ihr Oberhaupt im Ausland, Metropolit Antonij, sah in ihr die kirchliche Autorität für die gesamte russische Kirche außerhalb Sowjetrusslands, während Patriarch Tichon sie in erster Linie als vorübergehende Struktur zur Seelsorge für russische Flüchtlinge und Emigranten verstand. Der zweite zentrale Konflikt betraf nach Ansicht des Referenten das Verhältnis der Kirche zur Politik: Patriarch Tichon bemühte sich konsequent, die Kirche von politischen Erklärungen fernzuhalten, während die Führung der Auslandskirche, insbesondere nach dem Konzil von Karlovci und dem Sendschreiben an die Konferenz von Genua, scharf antisowjetische und monarchistische Positionen vertrat. Der Vortragende betonte, dass die darauf folgende Krise zwischen den Metropoliten Evlogij und Antonij nicht bloß das Ergebnis persönlicher Meinungsverschiedenheiten war, sondern eine Folge der tragischen Umstände der Revolution, der Emigration, des Zusammenbruchs der Kommunikationswege und unvereinbarer kirchlich-politischer Strategien.
Andrej Alexandrovič Kostrjukov, Doktor der Geschichtswissenschaften, Kandidat der Theologie und Professor an der Orthodoxen St.-Tichon-Universität für Geisteswissenschaften in Moskau, behandelte in seinem Vortrag „Die Anfänge der Deutschen Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland im Kontext der Auseinandersetzung zwischen dem Bischofssynod und dem Metropoliten Evlogij (Georgievskij)“ die Gründung der Deutschen Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland als Teil der umfassenderen und komplexeren Beziehungen zwischen dem Bischofssynod der Russischen Kirche im Ausland und Metropolit Evlogij (Georgievskij). Letzterer war ursprünglich mit der Leitung der russischen Gemeinden in Westeuropa betraut worden, distanzierte sich jedoch allmählich immer mehr vom Synod. Der Vortrag zeigte, dass die Gründung des Berliner Vikariats unter der Leitung von Bischof Tichon (Ljashhenko) im Jahr 1924 und dessen anschließende Umwandlung in eine eigenständige Deutsche Diözese 1926 vor dem Hintergrund von Streitigkeiten über kanonische Befugnisse, die Autonomie des Westeuropäischen Metropolitankreises und die Grenzen der Macht von Metropolit Evlogij stattfanden. Professor Kostrjukov wies insbesondere darauf hin, dass die Versuche des Bischofskonzils der ROKA, die Autonomie von Metropolit Evlogij im Interesse der kirchlichen Einheit einzuschränken, zu keiner endgültigen Versöhnung führten, und dann der Tod von Patriarch Tichon die Entfremdung zwischen Metropolit Evlogij und dem Auslandssynod weiter vertiefte.

Einen wichtigen Teil der historischen Untersuchungen bildeten Vorträge, die sich mit der Entstehung und Entwicklung der Deutschen Diözese in der Zwischenkriegszeit befassten. Die Referenten zeigten auf, dass die Bildung einer eigenständigen kirchlichen Struktur der ROKA in Deutschland weniger mit einem abstrakten Verwaltungsschema oder einem vorab ausgearbeiteten politischen Programm zusammenhing, sondern vielmehr mit einer konkreten Krise der Kirchenleitung, dem Konflikt um Metropolit Evlogij und der Notwendigkeit, unter den realen Bedingungen in Deutschland ein stabiles kirchliches Leben zu organisieren. So präsentierte sich die Geschichte der Diözese als Geschichte der kirchlichen Antwort auf die außergewöhnlichen Umstände der Emigration, als die Aufrechterhaltung der kanonischen Ordnung, des Gottesdienstlebens und der pastoralen Verantwortung neue organisatorische Lösungen erforderte.
Besondere Aufmerksamkeit wurde sowohl dem Umfeld von Metropolit Evlogij als auch den aktiven Persönlichkeiten der deutschen Diözese der ROKA gewidmet. Der Vortrag „Der Oberste Monarchische Rat und die Russische Orthodoxe Kirche in Deutschland in den 1920er Jahren“ von Andrej Alexandrovič Ivanov (Doktor der Geschichtswissenschaften, Professor am Institut für Geschichte der Staatlichen Universität St. Petersburg) zeigte, dass der Oberste Monarchische Rat in den 1920er Jahren die Orthodoxe Kirche als geistige Grundlage für die künftige Wiederherstellung der russischen Monarchie betrachtete, während der Kongress von Bad Reichenhall die Vorstellung von einer untrennbaren Verbindung zwischen Autokratie, orthodoxem Glauben und kirchlicher Wiedergeburt festigte.Prof. Ivanov wies besonders darauf hin, dass die russischen Monarchisten in Deutschland aktiv am kirchlichen Leben der Emigranten teilnahmen: Sie unterstützten die Berliner Gemeinde, den Archimandriten und späteren Bischof Tichon (Ljashhenko), den Bau der Auferstehungskirche und die Stärkung der kirchlichen Strukturen, die mit dem auslandsrussischen Bischofssynod verbunden waren.

Einen wesentlichen Platz in der Arbeit der Konferenz nahm die Zeit des Nationalsozialismus ein. Die Vorträge beleuchteten die Komplexität der Lage der russischen kirchlichen Emigration in Deutschland in den 1930er- und 1940er-Jahren, ihre Beziehungen zu den staatlichen Strukturen des Dritten Reiches sowie jene moralischen und kirchlichen Herausforderungen, denen sich die orthodoxen Gläubigen unter den Bedingungen einer totalitären Ideologie gegenübersahen. Diese Vorträge waren insofern wichtig, als sie die Geschichte nicht auf eindeutige Schemata reduzierten, sondern die Spannungen zwischen dem Bestreben, das kirchliche Leben zu bewahren, den äußeren politischen Umständen und der persönlichen Verantwortung des Christen vor Gott und seinem Gewissen aufzeigten. In seinem Vortrag „Staatliche Beurteilungen zur Deutschen Diözese der Russischen Auslandskirche während der Zeit des ‚Dritten Reichs‘“ zeigte Dr. Dirk Schuster, Dozent am Institut für Religionswissenschaft der Universität Wien, auf, dass das NS-Regime die Deutschen Diözese der ROKA einigermaßen duldete, solange diese nicht als ideologischer Gegner wahrgenommen wurde und eine gewisse politische Funktion innerhalb der russischen Emigrantenkreise erfüllen konnte, ohne jedoch die Möglichkeit zu erhalten, ihren Einfluss wesentlich auszuweiten. Solche Berichte von konfessionsunabhängigen Forschern sind von besonderem Wert, da man ihnen kaum Voreingenommenheit gegenüber der ROKA vorwerfen kann.
Lebendiges Interesse weckte der Vortrag von Erzpriester Nikolai Artemoff „Märtyrer Alexander Schmorell und die "Weiße Rose" im Kontext des deutschen Konformismus“. Anhand des Schicksals von A. Schmorell wurden die Themen der christlichen Freiheit, des geistlichen Widerstands und der Gewissenstreue unter den Bedingungen eines Regimes beleuchtet, das die vollständige Herrschaft über den Menschen für sich beanspruchte. Das Bild des Heiligen Alexander erwies sich hier nicht nur als historisches Beispiel, sondern war ein theologisches Zeugnis: Die Zugehörigkeit zur Kirche beschränkt sich nicht auf ein kulturelles Gedächtnis oder äußere Identität, sondern trägt in sich die Bereitschaft zu moralischen Entscheidungen und das klare Bekenntnis zur Wahrheit. Vater Nikolai stellte den Zuhörern einen Ausdruck eines Textes aus der Hand des hl. Märtyrers Alexander (in vorrevolutionärer Orthographie verfasst), der bisher nirgends publiziert wurde. Es ist ein für seine Denkweise sehr charakteristischer Text, welcher dem „besonderen Merkmal der russischen Seele“ gewidmet ist.
In seinem Vortrag „Bekanntes und Unbekanntes in der Geschichte der Wiener Konferenz von 1943: Die Position der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland zur Legitimität der kirchlichen Autorität in der UdSSR“ zeigte Andrei Zolotov (Wien) …….im Detail die bislang wenig bekannten Umstände des Moments während des Krieges und nach der Wahl in Moskau des Metropoliten Sergij (Stragorodskij) zum Patriarchen. Die deutschen Machthaber, die den Umbruch in der Kirchenpolitik Stalins gut verstanden, brauchten dringend eine Delegitimisierung dieser Wahl. Die Bischofskonferenz, die in Wien zu diesem Thema organisiert wurde, kam diesem Wunsch entgegen, indem sie sich auf die Regeln des Landeskonzils von 1917-1918 stützte – eine Position der Nichtanerkennung, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in der ROKA aufrechterhalten wurde. Zugleich aber äußerten die Hierarchen in Wien eine ernstzunehmende Kritik der deutschen Religionspolitik, vor allem in den besetzten Gebieten, und stellten Forderungen zu einer Veränderung derselben auf, was für die Nazis eine wenig angenehme Überraschung war.

Nicht weniger wichtig war der Vortragsblock, der sich mit der Nachkriegszeit und den Vertriebenenlagern beschäftigte. Die Referenten zeigten auf, dass das kirchliche Leben in den DP-Lagern nicht nur eine Form des geistlichen Trostes oder der Bewahrung gewohnter Lebensweisen darstellte, sondern auch einen Raum für die Wiederherstellung der „Normalität“ des zerstörten menschlichen und gemeinschaftlichen Lebens bot. In Barackenkirchen, provisorischen Kapellen, Gemeindeschulen und Bruderschaften bildete sich ein besonderes kirchliches Umfeld heraus, in dem die Erinnerung an die verlorene Heimat mit der Erfahrung neuer Verantwortung verbunden wurde. Unter diesen Umständen wurde die Gemeinde sowohl zu einem Ort des Gottesdienstes, als auch zu einem Zentrum der Bildung, der gegenseitigen Hilfe, der Bewahrung der Sprache, der Kultur und des orthodoxen Selbstbewusstseins.
Der Vortrag „Zwangsrepatriierung und der Widerstand der Deutschen Diözese“ des Kirchenhistorikers Dr. Ivan Petrov aus Sankt Petersburg beschäftigte sich mit der Rolle der Diözese und ihres Klerus im Schicksal der „displaced persons“, der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere jener, denen gemäß den Nachkriegsabkommen der Alliierten eine gewaltsame Repatriierung in die UdSSR drohte. Im Mittelpunkt des Vortrags von Dr. Petrov standen die seelsorgerischen, organisatorischen und menschenrechtsbezogenen Aktivitäten von Archimandrit Nafanail (L‘vov), des Priestermönchs Vitalij (Ustinov) und anderer Vertreter der Auslandskirche, die bestrebt waren, durch Verhandlungen mit der britischen und amerikanischen Verwaltung, durch die Registrierung von Gemeinden sowie die Einrichtung von Lagern, Schulen und kirchlichen Strukturen russische Flüchtlinge vor der Auslieferung zu schützen.

Der Vortrag des Historikers aus Nizhny Novgorod, Prof. Dr. Alexander Alexejevič Kornilov, mit dem Titel „Die Tätigkeit des Klerus der Deutschen Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche im Exil (1945–1951)“ zeigte, wie der Klerus unter den Bedingungen des Nachkriegschaos in den Lagern für Vertriebene angesichts der Massenauswanderung eine stabile kirchliche Struktur aufbaute, Gemeinden organisierte, das Gottesdienstleben, die Verwaltung und die Seelsorge für die Gläubigen sicherstellte. Besondere Aufmerksamkeit galt Metropolit Seraphim (Lade), unter dem sich ein kollegiales System der Diözesanverwaltung herausbildete, sowie Bischof Athanasios (Martos), der die theologische Ausbildung, die Seelsorgetagungen und das geistliche Leben des Klerus förderte, sowie dem Erzpriester Mitrofan Znosko, dessen Dienst im Lager Mönchehof Liturgie, Lehre, Hilfe für Bedürftige und die Fürsorge für Kranke vereinte. Die Geistlichen der deutschen Diözese unterstützten nicht nur das religiöse Leben der russischen Flüchtlinge, sondern halfen ihnen auch, unter den Bedingungen von Vertreibung, Armut und Ungewissheit geistlich standhaft zu bleiben, indem sie die Kirchengemeinde zu einem Ort des Gebets, der Bildung, der gegenseitigen Hilfe und der Hoffnung machten.
In einzelnen Beiträgen wurden die rechtliche Stellung der Deutschen Diözese, ihre Beziehungen zu deutschen staatlichen Stellen und anderen orthodoxen Jurisdiktionen sowie zum Moskauer Patriarchat, insbesondere zum heiligen Patriarchen Tichon dem Bekenner, thematisiert. In diesem Zusammenhang wurden nicht nur administrative und kanonische Fragen erörtert, sondern auch das tiefgreifendere Thema der kirchlichen Identität: Wie bewahrte die Russische Auslandskirche die Treue zu ihrem historischen Gedächtnis und blieb dabei offen für den pastoralen Dienst in einem neuen Land und unter neuen Generationen?
In diesem Sinne widmete sich der Vortrag „Der Weißrussische und Ukrainische Episkopat in der Deutschen Diözese der ROKA“ des Prorektors für wissenschaftliche Arbeit der Theologischen Akademie Minsk, Dr. theol. Alexander Slesarev, dem Beitritt des weißrussischen und ukrainischen Episkopats zur Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland nach dem Zweiten Weltkrieg und zeigte auf, dass gerade die Deutsche Diözese zum Hauptort ihrer Integration wurde, da die Bischöfe hier Vikariatsämter erhielten und sich an der Seelsorge zahlreicher Gemeinden unter den Vertriebenen beteiligten. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Tatsache gewidmet, dass der Beitritt der weißrussischen Bischöfe von einem heftigen Konflikt mit den nationalpolitischen Kreisen der weißrussischen Emigration begleitet war, die bestrebt waren, eine eigenständige weißrussische Metropolie zu bewahren, während die Führung der ROKA vorwiegend auf dem territorialen und nicht auf dem nationalen Prinzip der kirchlichen Organisation bestand. In dem Vortrag wurde betont, dass der Dienst dieser Bischöfe trotz der späteren Spaltungen in der weißrussischen und ukrainischen Diaspora die Deutsche Diözese wesentlich gestärkt, ihre seelsorgerischen Möglichkeiten erweitert und sie zu einem der wichtigsten Zentren der multinationalen orthodoxen Auslandsgemeinden im Nachkriegseuropa gemacht habe.

Der Vortrag von, Protodiakon Varfolomey Bazanov, Kleriker der Deutschen Diözese, widmete sich der Geschichte der Münchner Gemeinde des Heiligen Nikolaus und stellte diese nicht nur als kirchlich-administrative Einheit dar, sondern auch als lebendiges soziales Umfeld, in dem sich die russische Emigration zu einer stabilen Gemeinschaft entwickelte. Der Vortrag stützte sich sowohl auf Archivdokumente als auch auf die Ergebnisse einer durchgeführten soziologischen Untersuchung. Besonderes Augenmerk wurde darauf gelegt, dass die Gemeinde unter den Bedingungen der Emigration Funktionen erfüllte, die weit über den Gottesdienst hinausgingen: Sie wurde zu einem Raum des Überlebens, des Vertrauens, der Bewahrung des orthodoxen Glaubens, der russischen Sprache, der Familienerinnerung, der gegenseitigen Hilfe und der Kindererziehung. In dem Vortrag wurde betont, dass die Geschichte der Gemeinde nicht nur eine Geschichte von Statuten, Vorstehern und Gemeindevorständen war, sondern vor allem eine Geschichte von Menschen, ihren Ängsten, Hoffnungen, Häusern, Festen, Gebeten und Bemühungen um die Bewahrung der Kontinuität zwischen den Generationen der russisch-orthodoxen Diaspora in München.

Dieser Vortrag und die darauffolgenden Diskussionen bildeten den offiziellen Abschluss des zweiten Konferenztages. Ein herausragendes Ereignis der Konferenz war das abendliche Konzert mit russischer Kirchenmusik der Emigration, aufgeführt vom Chor der Stuttgarter St.-Nikolaus-Gemeinde. Das Konzert fand in der katholischen Pfarrkirche Leiden Christi statt und zog sowohl Konferenzteilnehmer als auch Münchner Bürger an. Die aufgeführten Werke der russischen Emigration des 20. Jahrhunderts schufen eine Atmosphäre spiritueller Erinnerung und kultureller Kontinuität. Das vom Europäischen Komitee für Kirchenmusik organisierte Musikprogramm war eine weitere Erinnerung daran, dass sich die Geschichte der russischen Kirche im Exil nicht nur in administrativen Entscheidungen und historischen Ereignissen ausdrückte, sondern auch im Gebet, im Gesang, in der Schönheit des Gottesdienstes und in der Bewahrung der kirchlichen Tradition.
Zu Beginn des dritten Konferenztages wurden die Bestandsaufnahme historischer Fakten und die Diskussionen fortgesetzt; zugleich widmete man den zukünftigen Herausforderungen große Aufmerksamkeit. Diese Themen bildeten eine natürliche Fortsetzung des historischen Teils des Forums: Während die ersten Tage der Erinnerung und den Erfahrungen der Vergangenheit gewidmet waren, wurde am Abschlusstag die Frage gestellt, wie dieses Erbe an die neuen Generationen weitergegeben werden kann.
Den Tag eröffnete einer der Organisatoren der Konferenz, der Archivar der Deutschen Diözese, Anatolij Kinstler. Das Thema seines Vortrags lautete: „Die Deutsche Diözese im Nachkriegsdeutschland (1945-1951): ihr rechtlicher Status und ihre institutionelle Ausformung“. Es erwies sich, dass das Überleben der Diözese in der Nachkriegszeit weitgehend durch die Beibehaltung und Bestätigung des Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts gesichert wurde, der auf die Rechtstradition der Weimarer Verfassung zurückgeht. Besonderes Augenmerk wurde darauf gelegt, wie Metropolit Seraphim (Lade) und anschließend Erzbischof Benedikt (Bobkowski) die Anerkennung dieses Status in einzelnen deutschen Ländern erlangten und gleichzeitig ein neues Verwaltungsmodell der Diözese durch Verwaltungsämter, Vikariate, Dekanate und die diözesan-synodale Vertikale aufbauten. Der Referent betonte, dass die rechtliche Anerkennung keine Formalität, sondern eine praktische Ressource des kirchlichen Lebens war: Sie stärkte die Zusammenarbeit mit staatlichen Strukturen, unterstützte die missionarische, verlegerische und pädagogische Tätigkeit und trug dazu bei, die Einheit der Diözese unter den Bedingungen der Nachkriegszersplitterung, der Umsiedlung einer Großzahl der Laien und der Abreise des Bischofssynods nach Amerika zu bewahren.

Erzpriester Dr. Dimitrij Svistov, ein Geistlicher der deutschen Diözese, sprach ein sehr komplexes historisches Thema an – „Kampf um die Kirchen. Die Deutsche ‚Diözese der ROKA und die Parallelstrukturen des Moskauer Patriarchats von 1945 bis 1993“. Vater Dimitri zeigte auf, dass das Gesetz über den Grundbesitz der Russischen Kirche in Deutschland, obwohl es aus dem Rechtssystem des Dritten Reiches stammt, von den Gerichten der Bundesrepublik Deutschland weder als ideologisch nationalsozialistisch noch als rechtsunwirksam anerkannt wurde. Besonderes Augenmerk wurde darauf gelegt, wie das Gesetz von 1938 und die darauf folgende Entscheidung über die Übertragung von kirchlichem Immobilienbesitz an die Deutsche Diözese der ROKA zum Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen zwischen der ROKA, dem Moskauer Patriarchat und der Pariser Erzdiözese wurden, vor allem im Zusammenhang mit den Kirchen in Bad Ems und Baden-Baden. In dem Bericht wurde jedoch auch betont, dass der wahre Grund für diese Vermögensstreitigkeiten nicht das Gesetz von 1938 selbst war, sondern tiefere kirchliche Spaltungen im russischen Exil, deren Überwindung erst nach dem Akt über die kanonische Gemeinschaft von 2007 möglich wurde, obwohl die Aufgabe der vollständigen Heilung der früheren Entfremdung weiterhin bestehen blieb.
Der Vortrag von Erzpriester Nikolai Artemoff mit dem Titel „Die Einbindung der deutschen Diözese in parallele Strukturen der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland im sowjetischen und postsowjetischen Raum (1974–1994)“widmete sich der Vertiefung und Analyse der genannten Probleme. Erzpriester Nikolai Artemoff war in den Jahren 1993–1997 selbst Teilnehmer an den Gesprächen zwischen Vertretern des Moskauer Patriarchats und der Russischen Auslandskirche in Deutschland sowie später an der Arbeit der Kommissionen der beiden kirchlichen Strukturen nach 2003. Er umriss die Ausgangssituation der 1970-er Jahre und zeigte die darauf folgenden Etappen der Entwicklung in den frühen 1990-er Jahren, welche die Deutsche Diözese motivierte, einen neuen Zugang und weiteren Weg zu eröffnen.
Dr. Andrej Fastovskiy stellte die Frage nach diesem Weg in seinem Vortrag „Gesprächsrunden zwischen Vertretern der Russischen Auslandskirche und des Moskauer Patriarchats in Deutschland (1993-1997) als Weg zu Überwindung der Spaltung?“ Auf Initiative von Erzbischof Mark wurden die Gespräche (nicht „Verhandlungen“!) auf Diözesanebene in einer Zeit eingeleitet, als der gesamtkirchliche Dialog noch äußerst erschwert war. Dr. Andrej Fastovskiy wies besonders darauf hin, dass die Verhandlungspartner erst später zu allgemeinen historisch-kanonischen Fragen übergingen, wie die des Ökumenismus und des Sergianismus, an den Anfang ihrer Begegnungen aber praktische pastorale Fragen des kirchlichen Lebens in Deutschland stellten: den Vollzug der Mysterien, die Übersetzung von Gottesdiensttexten, den Wechsel von Geistlichen zwischen den Jurisdiktionen und die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache gegenüber den Gläubigen. Trotz der schmerzhaften ungelösten Fragen und der darauf folgenden Krise von 1997 schufen gerade diese Treffen auf deutschem Territorium wichtige Erfahrungen im verantwortungsvollen kirchlichen Dialog; sie bereiteten den Boden für weitere Konferenzen, offizielle Verhandlungen und letztlich für die Wiederherstellung der kanonischen Gemeinschaft.

Erzpriester Constantin Miron aus der Griechischen Metropolie in Deutschland hielt an diesem Tag einen Vortrag zum Thema „Anmerkungen zur Beteiligung der Deutschen Diözese an der ökumenischen Bewegung“. Besondere Aufmerksamkeit widmete Pater Konstantin der Teilnahme von Bischöfen und Geistlichen der deutschen Diözese an interkonfessionellen Treffen, theologischen Konferenzen, dem akademischen Dialog mit Protestanten und Katholiken sowie der praktischen Hilfe für Vertriebene durch die Strukturen des Ökumenischen Rates der Kirchen sowie deutscher kirchlicher Organisationen. In dem Vortrag wurde betont, dass die ökumenischen Kontakte der Deutschen Diözese keinen dogmatischen Kompromiss darstellten, sondern die Form eines orthodoxen Zeugnisses, einer theologischen Auseinandersetzung, einer pastoralen Zusammenarbeit und kirchlicher Hilfe im Europa der Nachkriegszeit annahmen.


Der Vortrag des Privatdozenten Dr. habil. Sebastian Rimestad (Universität Leipzig) „Die Russische Orthodoxie in Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung (1917-1960)“ schloss den historischen Teil des Programms ab. Anhand von Beispielen aus der deutschen Presse erwies sich hier, dass die Orthodoxie eher als etwas Fremdes, Exotisches und Unverständliches wahrgenommen wurde. Besondere Aufmerksamkeit widmete der Referent der Tatsache, dass in der Zwischenkriegszeit die Orthodoxie häufiger mit der russischen Revolution, dem Schicksal von Patriarch Tichon, der Erneuererbewegung, Konflikten in der Emigration, dem Bau von Kirchen sowie den Persönlichkeiten von Metropolit Evlogij und Bischof Tichon in Verbindung brachte, wobei diese Themen nicht selten mit Ungenauigkeiten und reißerischen Akzenten versehen waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch wurde das Bild der Orthodoxie in Deutschland differenzierter: Neben der ROKA nahm man das Moskauer Patriarchat, Konstantinopel und das griechisch-orthodoxe Milieu wahr, während die Auslandskirche in der Presse zunehmend vor allem durch lokale Gemeindethemen, Kontakte und Berichte über das Leben von Displaced Persons in Erscheinung trat.

Der letzte Teil der Vorträge befasste sich nicht nur mit historischen, sondern auch mit soziokulturellen Themen. Der Vortrag von Prof. Dr. Olga Andrejevna Litzenberger zum Thema „Die ‚Russlandeutschen‘ in den Gemeinden der Deutschen Diözese: Identität und konfessioneller Wandel“ beleuchtete die Stärkung der bestehenden und die Bildung neuer Gemeinden in den 1990er Jahren sowie die kulturellen Besonderheiten deren neuen – potenziellen und tatsächlichen – Mitglieder die im Rahmen des Programms für „Spätaussiedler“ nach Deutschland kamen. Prof. Litzenberger zeigte auf, dass die Spätaussiedler in der letzten Zeit zunehmend zur Orthodoxie fänden.
Der ausführliche Vortrag des Erzpriesters Alexander Bertasch (Geistlicher der Berliner und Deutschen Diözese des Moskauer Patriarchats, Doktor der Theologie und der Kunstwissenschaft) mit dem Titel „Zwei Jahrhunderte russischer Kirchenarchitektur in Deutschland: von der Zarenzeit bis heute“ ermöglichte es den Konferenzteilnehmern, nicht nur mehr über die Besonderheiten der Planung und des Baus von Kirchen auf deutschem Boden zu erfahren, sondern auch viele dieser Kirchen zu sehen, die das Leben der orthodoxen Christen in Deutschland widerspiegeln.

Der abschließende Vortrag „Übersetzungen liturgischer Texte ins Deutsche. Von Maltsev bis heute“ des Bischofs von Stuttgart Hiob (Dr. J. Bandmann), thematisierte die Geschichte der Übersetzungen orthodoxer liturgischer Texte ins Deutsche und zeigte, dass diese Geschichte vor allem aus den Werken einzelner herausragender Übersetzer besteht – von Erzpriester Alexei Maltsev und dem katholischen Franziskaner Kilian Kirchhoff bis hin zu den Erzpriestern Sergius Heitz, Dimitri Ignatiew, Peter Plank, Archimandrit Justin und den heutigen Übersetzungskommissionen.

Bischof Hiob ist selbst Mitglied der Übersetzungskommission, deren Vorsitz Metropolit Mark von Berlin und Deutschland innehat. Besondere Aufmerksamkeit widmete Bischof Hiob den verschiedenen Übersetzungsansätzen: vom archaisierenden und erklärenden Stil Malzews über die poetische Freiheit Kirchhoffs, der klaren pastoralen Praktikabilität der Erzpriester Sergius Heitz und Dimitri Ignatiew bis hin zur philologischen Genauigkeit, sprachlichen Konkordanz und dem Streben nach einer neuen orthodoxen deutschen liturgischen Norm bei den Übersetzern aus dem monastischen Stand und der Kommission der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland. In seinem Vortrag wies Bischof Hiob darauf hin, dass sich eine vollwertige deutschsprachige orthodoxe liturgische Tradition erst noch herausbildet und dass ihre Zukunft von der Synthese dreier Prinzipien abhängt: der Treue zum Original, der Klarheit der deutschen Sprache und der tatsächlichen liturgischen Anwendbarkeit im Gemeinde- und Klosterleben.

Den Abschluss bildete eine Podiumsdiskussion zum Thema „Deutsche“ Orthodoxie oder „Russische Orthodoxie im Westen“?“. Prof. Dr. Stefanos Athanasiou (LMU München, Rumänische Kirche) hielt den Impulsvortrag und am nachfolgenden Gespräch nahmen dann noch teil: Cornelia Hayes (DOM – Deutschsprachige Orthodoxie in Mitteleuropa e.V.), der Übersetzer orthodoxer geistlicher Literatur und Verleger Johannes A. Wolf (Edition „Der Schmale Pfad“) sowie Erzpriester Nikolai Artemoff (Mitarbeiter der Redaktion des „Boten der Deutschen Diözese“). Die Formulierung der Fragestellung war dabei nicht als Gegenüberstellung gemeint, sondern als Einladung zu einem tieferen Nachdenken über die Natur des kirchlichen Identität. Die Teilnehmer diskutierten darüber, ob die Orthodoxie in Deutschland der russischen geistlichen Tradition treu bleiben und gleichzeitig offen sein kann für die deutsche Sprache, deutsche Kultur und für Menschen, die ihrer Herkunft nach nicht mit der russischen Emigration verbunden sind. Im Zentrum des Gesprächs stand der Gedanke, dass die wahre Kirchlichkeit sich weder auf Nationalität noch auf Sprache noch auf kulturelle Formen beschränkt, sondern sich in der Treue zum orthodoxen Glauben, zum Gottesdienst, zur Überlieferung und zur lebendigen Gemeinde eröffnet.

Die Atmosphäre der Konferenz verband wissenschaftliche Ernsthaftigkeit, lebhafte Diskussionen und brüderlichen kirchlichen Austausch. Hinter den historischen Vorträgen und Diskussionen war der Leitgedanke des Jubiläums deutlich zu spüren: Die Beschäftigung mit Kirchengeschichte hat einen tiefen Sinn, wenn sie offen ist für den lebendigen Glauben, Buße, Verantwortung und Heiligkeit. Unter den aktuellen Herausforderungen nannten die Teilnehmer die Bewahrung der geistlichen Tradition der Russischen Auslandskirche, die Entwicklung des missionarischen Dienstes, die Ausbildung von Geistlichen und kirchlichen Mitarbeitern, Fragen der Ausbildung des Klerus, die Stärkung des deutschsprachigen orthodoxen Umfelds sowie eine aktivere gesellschaftliche und panorthodoxe Präsenz in Deutschland. Die Diskussion und die Fragen aus dem Saal zeigten, dass die historische Jubiläumskonferenz nicht nur der Vergangenheit zugewandt, sondern auch auf die Zukunft des kirchlichen Lebens ausgerichtet war.
Die Konferenz in München war somit nicht nur eine Jubiläumsveranstaltung, sondern ein seltenes Beispiel dafür, wie kirchliches Gedenken mit ernsthafter historischer Analyse, brüderlichem Austausch und Reflexion über die Zukunft der Orthodoxie in Europa verbunden werden kann. Sie zeigte, dass das hundertjährige Jubiläum der Deutschen Diözese nicht nur ein abschließender historischer Meilenstein ist, sondern auch ein Aufruf zu weiterem kirchlichem Zeugnis: die Überlieferung zu bewahren, die Vergangenheit ehrlich und verantwortungsbewusst zu reflektieren, das Gemeindeleben zu stärken und in der heutigen deutschen Gesellschaft Zeugnis für die Orthodoxie abzulegen.
Im Kontext der Geschichte der Russischen Auslandskirche als einem Ganzen, deren hundertjähriges Bestehen im Jahr 2021 gefeiert wurde, war die Konferenz der Deutschen Diözese nicht nur ein lokales, sondern auch ein gesamtkirchliches Ereignis, da die diskutierten Themen und Herausforderungen der Gegenwart für die gesamte Kirche von Bedeutung sind.

