Zweiter Sonntag nach Ostern: Apostel Thomas

Die hl. Orthodoxe Kirche verbindet heute mit der Feier des Sonntages das feierliche Gedenken an den hl. Apostel Thomas, wobei bemerkenswerterweise dabei die gestrige ordentlich-sonntägliche Evangeliumslesung heute in der Liturgie zu Ehren des Apostels wiederholt wurde – eine derartige Wiederholung kommt selten vor.

Im Alltag sagen wir manchmal umgangssprachlich, „ein ungläubiger Thomas bin ich“, und meinen damit, dass wir Dinge nicht unbedingt gleich für bare Münze halten. Jemand, der so spricht, ahnt für gewöhnlich gar nicht, worin des Apostels Unglauben, den die Kirche in ihren Gebeten ja als „des Thomas guten Unglauben“ bezeichnet, eigentlich bestand. Wenn wir uns im hl. Evangelium nach jenen Stellen umsehen, die vom hl. Apostel Thomas handeln, so merken wir, dass wir es bei diesem Apostel mit einem Skeptiker zu tun haben. Nehmen wir ein Beispiel: Als der Herr Jesus vor der Erweckung des Lazarus zu seinen Aposteln sprach: „Gehen wir nach Judäa“, da sagte Thomas zu den anderen Aposteln: „Gehen auch wir und sterben mit ihm“ (Joh 11:15-16). In seinen Worten spiegelt sich einerseits die bedingungslose Liebe eines Herzens, welches mit dem geliebten Lehrer zu sterben bereit ist, andererseits aber auch eine gewisse Skepsis – wird dieses Abenteuer wirklich glimpflich ausgehen, wird es nicht vielmehr im Tod des geliebten Lehrers und Seiner Jünger enden? Beim hl. Abendmahl wiederum, im Gespräch mit den Aposteln, sagte der Herr, dass sie den Weg, den Er geht, kennen würden: „Wo ich hingehe, dahin wisset ihr den Weg.“ Doch dann folgte der Einwand des Apostel Thomas: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ (Joh 14:4-5), d.h. wir wissen nicht wohin und woher sollten wir das auch? Und zu guter Letzt ist da die Erzählung über die Berührung der göttlichen Rippen durch den Apostel: Thomas, der den auferstandenen Lehrer noch nicht gesehen hat, entgegnete auf den Bericht seiner Mitbrüder über Christi Auferstehung bekanntlich folgendes: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an Seinen Händen sehe, kann ich’s nicht glauben“ (Joh 20:25). Bis ich nicht meine Hand in diese schreckliche Wunde, die nebst Seiner Rippe klaffte, gelegt habe, werde ich nicht glauben. Es verging eine Woche. Der Apostel kann’s immer noch nicht fassen. Wie finster ihm diese schwierige Woche wohl erschienen sein muss! Die anderen Apostel freuen sich und frohlocken, er aber kann immer noch nicht glauben. Nach sieben Tagen erscheint der Herr den Jüngern, unter denen auch Thomas war, und spricht: „Friede euch!“ Dann spricht er zu Thomas, indem er dessen eigene Worte, mit denen er sich vom Glauben abwandte, paraphrasiert: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh 20:26-27). Daraufhin ergoss sich aus des Apostels Herzen und Munde jenes wundervolle Bekenntnis, dem er bis zu seinem Ende treu blieb: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20:28), rief Apostel Thomas. Jeglicher Zweifel wich sogleich von seiner Seele. Warum nun heißt die Kirche seinen Unglauben einen “guten”? Weil Thomas seinen Lehrer lieb hatte, wie Ihn auch alle Apostel lieb hatten; o, dass uns doch Gott der Herr auch nur den hundertsten Bruchteil jener Liebe gewähre, die in den Herzen der Apostel wohnte! Als der Herr am Kreuz starb, da ging für die Apostel sozusagen die Welt unter, als wäre die Sonne verloschen. Angst, Finsternis und Kälte hatte sie ergriffen. Sie wussten, Wen sie verloren hatten. Thomas kann nicht glauben – die Welt war ihm verloren, ohne Glauben, ohne seinen Lehrer. Zu sehr sehnte sich sein Herz nach jenem Glauben, in dem kein Platz für Zweifel wäre, weil ihm sein Lehrer viel zu lieb war. So war ihm auch die Wahrheit Seiner Lehre über die Auferstehung viel zu lieb. Und deshalb heißt die Kirche seinen Unglauben einen “guten”: Weil in ihm zu Tage trat, wie sehr der Apostel, der in seinem Kopf zweifelte, in seinem Herzen und seiner Seele Seinem Lehrer die Treue hielt.

Und in unserer Zeit? Ähneln wirklich dem Apostel Thomas jene, die da von sich sagen: „Ich ungläubiger Thomas“? Für gewöhnlich ist der Unterschied zwischen ihrem Unglauben und dem des Thomas wie der zwischen West und Ost, wie zwischen Himmel und Erde.

Seht, Brüder, wie lieb dem Apostel Thomas die Wahrheit der Auferstehung war, die Wahrheit des hl. Evangeliums! Unsere Zeit hingegen ist dafür bekannt, dass Menschen der göttlichen Wahrheit gegenüber völlig gleichgültig sind. Ersonnen werden viele schöne Worte, doch eigentlich haben die Menschen – in Wirklichkeit – jeden Geschmack für die Wahrheit verloren. Derartiges Desinteresse zeigte einst auch Pilatus, damals, als der Herr vor ihm vor Gericht stand. Vor Pilatus stand die Wahrheit in Person, er aber offenbarte seine Skepsis: „Was ist die Wahrheit?“ (Joh 18:38), gibt es sie also überhaupt? Und sollte es sie geben, so sind wir ja weit von ihr entfernt, oder vielleicht gibt es sie doch nicht – und völlig teilnahmslos wandte sich Pilatus ab von Dem, Der ihm die Wahrheit kundtat, Der die Wahrheit Selbst war. Gleichgültig sind die Menschen auch heutzutage geworden. Ihr habt vermutlich mehr als einmal vernommen, welch eine Fülle hochtrabender, schöner, vermeintlich christlicher Reden derzeit über die Vereinigung aller zu einem Glauben, einer Religion erklingen. Vergesst nicht, dass das Innenfutter unter diesem Mantel gerade aus Indifferenz für die Wahrheit besteht. Wäre sie einem Menschen wirklich lieb, würde er sich niemals auf diesen Handel einlassen. Eben weil die Wahrheit kaum jemanden interessiert und ein jeder auch in Fragen des Glaubens den eigenen bequemen Platz unter Sonne sucht, erklingen Reden wie: „Alle müssen eins werden“, alle müssen anerkennen, dass der eigene Glaube nicht der wahre ist, aber wenn dann alle diese Einzelglauben in einem vereint würden, kommt irgendwie von irgendwoher der wahre zustande.

Fürchten müssen wir diesen Stumpfsinn der Wahrheit gegenüber. Unser Herr Jesus Christus führt uns in der Apokalypse klar vor Augen, wie verderblich eine derartige Indifferenz ist. Dort spricht er zum Engel, dem Vorsteher der Kirche von Laodizea: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch heiß bist. Ach, dass du kalt oder heiß wärest! Also, weil du lau bist und weder heiß noch kalt, (und lau bedeutet über einen Kamm geschoren, die Wahrheit nicht liebend) werde ich dich ausspeien aus meinem Munde!“ (Apk 3:15-16). Drastischer noch klingt der slawische Text: „Ich werde mich an dir erbrechen“, ähnlich einem Körper, der etwas definitiv Widriges und Schädliches von sich weist.

Denkt daran, dass diese Gleichgültigkeit für die Wahrheit eines der großen Übel unserer apostatischen Zeit ist. Lege Wert auf die Wahrheit, o Mensch! Sei ein Kämpfer für die Wahrheit. Gedenke der Liebe zur Auferstehung Christi – dieser göttlichen Wahrheit des Evangeliums – wie sie der Apostel Thomas gezeigt hat. Uns dient diese apostolische Liebe zur Wahrheit und zum Lehrer der Wahrheit als Beispiel, welche Wertschätzung für die Wahrheit und Liebe ein Mensch in seinem Leben aufbringen muss, für Den, Der der Weg und die Wahrheit und das Leben ist – unseren Herrn Jesus Christus.


Metropolit Filaret (Voznesenskij) - Ersthierarch der Russischen Auslandskirche (+ 1985)

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