45. Jahrestag der Verherrlichung der heiligen Neumärtyrer und Bekenner der Russischen Kirche
Sendschreiben Seiner Eminenz Nikolaj, Metropolit von Ostamerika und New York, Ersthierarch der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland, zum 45. Jahrestag der Verherrlichung der heiligen Neumärtyrer und Bekenner der Russischen Kirche
Im Herrn geliebte hochgeweihte Mitbrüder im bischöflichen Amt, hochwürdige Väter, liebe Brüder und Schwestern!
Am Sonntag, dem 19. Oktober/1. November, dem 22. Sonntag nach Pfingsten, jährt sich zum 45. Mal ein großes historisches Ereignis im Leben der Russischen Orthodoxen Kirche: die Verherrlichung der heiligen Neumärtyrer und Bekenner Russlands durch das Bischofskonzil der Russischen Auslandskirche im Jahr 1981, jener Märtyrer und Bekenner, die in den Jahren gottesfeindlicher Verfolgung für Christus gelitten haben.
Dieses Ereignis war die Frucht langjähriger Mühen und Gebete sowie geistlicher Weitsicht unserer Bischöfe, der Priesterschaft und des gesamten Kirchenvolkes. Schon lange vor jenem Bischofskonzil, das unter dem Vorsitz des selig entschlafenen Metropoliten Philaret (Wosnesenskij) stattfand, war in der Russischen Auslandskirche die Überzeugung gereift, dass diejenigen verherrlicht werden müssten, die ihr Leben für Christus und Seine heilige Kirche hingegeben hatten.
Eine zentrale Rolle spielte dabei Erzbischof Antonij (Sinkewitsch). Mit erzpastoraler Entschlossenheit trat er für die kirchliche Verherrlichung der Neumärtyrer ein. Davon zeugen seine Aufsätze und Predigten, ganz zu schweigen von seinen leidenschaftlichen Wortmeldungen auf Bischofskonzilien und verschiedenen kirchlichen und öffentlichen Versammlungen. Einen wesentlichen Beitrag zur Vorbereitung dieses historischen Werkes leistete auch Erzbischof Antonij (Bartoschewitsch). In hohen Ehren hielt er das Gedächtnis der um des Glaubens willen Verfolgten und setzte sich dafür ein, dass ihr Glaubenszeugnis in der heiligen Kirche geistlich erschlossen und angemessen gewürdigt wird.
Erzbischof Antonij (Medwedew), der würdige Nachfolger des heiligen Johannes (Maximowitsch) auf dem westamerikanischen Bischofssitz, nimmt unter den selig entschlafenen Hierarchen der Auslandskirche eine ganz besonderen Platz ein. Er verfasste den Gottesdienst zu Ehren der Neumärtyrer und Bekenner – ein wahres Meisterwerk der liturgischen Dichtung des 20. Jahrhunderts. Mit außergewöhnlicher geistlicher Tiefe erschließt dieser Gottesdienst die Größe ihres mit dem Kreuzesopfer des Herrn verbundenen Martyriums, und ist zugleich Zeugnis aufrichtiger Dankbarkeit Gott gegenüber, für jene, die Christus bis in den Tod treu geblieben sind. Zu einer Zeit, als eine öffentliche kirchliche Verehrung der Neumärtyrer auf dem Gebiet der UdSSR noch nicht möglich war, wurde der von Erzbischof Antonij verfasste Gottesdienst dort im Verborgenen und inoffiziell gefeiert. Doch selbst in dieser bescheidenen, verborgenen Form blieb das Gebet an die für Christus Verfolgten lebendig und mehrte sich allmählich überall in den Gliedern der Kirche.
Zu dieser Verbreitung trug die Russische Auslandskirche wesentlich bei. Im Ausland gedruckte Ikonen des heiligsten Patriarchen Tichon, der Märtyrer Wladimir, des Metropoliten von Kiew, Kirill, des Metropoliten von Kasan, und Petr, des Metropolit von Krutizy, der heiligen Zarenmärtyrer und weiterer Neumärtyrer sowie Schriften über ihr Leben, ihren Glauben und ihr Leiden gelangten auf verschiedensten Wegen in die UdSSR und fanden dort weite Verbreitung. Für viele orthodoxe Christen, denen es verwehrt war, offen über ihren Glauben und die Geschichte ihrer Kirche zu sprechen, wurden diese Ikonen und Bücher zu Zeugnissen der Wahrheit über die Kirche, ihre Leiden, ihre Märtyrer und Bekenner. So erlosch ihr Andenken im Volk Gottes trotz jahrzehntelanger Verfolgung nicht.
Auch der selig entschlafene Metropolit Lavr (Škurla) hatte sich um die Vorbereitung des Konzils sehr verdient gemacht. Noch als Bischof sammelte und erstellte er über viele Jahre hinweg ein ausführliches Verzeichnis der Märtyrer und Bekenner, das 1974 erstmals in der Zeitschrift „Prawoslawnaja Rus“ („Orthodoxes Russland“) veröffentlicht wurde. Das Bischofskonzil von 1981 prüfte diese Schrift mit besonderer Aufmerksamkeit und Ehrfurcht.
Schon die Art und Weise, wie dieses Verzeichnis auf dem Bischofskonzil behandelt wurde, zeigt, mit welcher kirchlichen Verantwortung und Gebetshaltung die Bischöfe an die Verherrlichung der Leidenszeugen herangingen. Vor jeder Sitzungspause wurde nach der Verlesung und Beratung des jeweiligen Teils des Verzeichnisses im Sitzungssaal ein Totengedenken für die zur Verherrlichung Vorgesehenen gefeiert. Ihre Namen wurden im Gebet rezitiert, und das Bischofskonzil selbst wurde so zum Zeugen ihres geistlichen Sieges. Die Bischöfe sichteten also nicht nur historische Zeugnisse oder erörterten Namenslisten von zu Tode Gequälten und Ermordeten, sondern bezeugten im Gebet, dass die Kirche ihrer treuen Kinder gedenkt, die Christus bis in den Tod die Treue gehalten hatten.
Die feierliche Verherrlichung der Neumärtyrer und Bekenner, die vor 45 Jahren in der Kathedrale der Gottesmutterikone „von der Wurzel“ in der Synodalresidenz in New York vollzogen wurde, war ein Ereignis, dessen Bedeutung weit über die Grenzen der Russischen Auslandskirche hinausreichte. Mehr als zweitausend Menschen nahmen am Gottesdienst selbst teil. Von diesem Tag an verbreitete sich die Verehrung der Neumärtyrer immer weiter in der orthodoxen Welt. Ihre Ikonen, Lebensbeschreibungen, Schriften und Zeugnisse ihrer Glaubenstaten wurden zunehmend zum gemeinsamen Erbe aller orthodoxen Ortskirchen.
Von großer Bedeutung war die Haltung Seiner Seligkeit Diodoros, des Patriarchen von Jerusalem, zu dieser Verherrlichung. Indem er die Reliquien der heiligen Märtyrerinnen von Alapajewsk, der Großfürstin Elisabeth und der Nonne Warwara, verehrte, bezeugte er die Anerkennung ihrer Heiligkeit. Ein weiterer Ausdruck kirchlicher Anerkennung war die Entsendung einer hochrangigen Delegation des Heiligen Synods des Patriarchats von Jerusalem zu den Feierlichkeiten im Jahr 1982, als die Reliquien dieser Heiligen aus der Krypta auf dem Gelände des russischen Gethsemaneklosters in die Hauptkirche des Klosters der heiligen apostelgleichen Maria Magdalena übertragen wurden. Die gesamtkirchliche Kanonisierung der Neumärtyrer durch die Russische Orthodoxe Kirche im Jahr 2000 bestätigte schließlich die geistliche Weitsicht und pastorale Berechtigung des Beschlusses der Väter des Bischofskonzils von 1981.
Und heute, 45 Jahre später, sehen wir, wie die Namen der Märtyrer und Bekenner des 20. Jahrhunderts Eingang in das Gebetsleben unzähliger orthodoxer Christen gefunden haben und wie ihre heiligen Bildnisse zu einem untrennbaren Bestandteil der geistlichen Erneuerung unseres Volkes geworden sind und wir preisen Gott dafür.
Wir glauben, dass diese Verherrlichung eines der geistlichen Vorzeichen jener kirchlichen Wiedergeburt war, die besonders offenkundig wurde im Vorfeld der Feier des tausendjährigen Jubiläums der Taufe der Rus. Die heiligen Neumärtyrer und Bekenner, die Christus in den schrecklichsten Jahren der Verfolgung ihre Treue bezeugten, wurden für die wiedererstehende Kirche zum Lebendigen Zeichen dessen, dass keine Macht dieser Welt die auf dem Kreuz und der Auferstehung Christi gegründete Kirche zerstören kann.
Es erwies sich, dass ihr Zeugnis nicht allein an orthodoxe Christen gerichtet war. Die Glaubenstat der Neumärtyrer berührte auch die Herzen anderskonfessioneller Christen und Andersgläubiger in jenen Ländern, in denen der Herr den Gemeinden der Russischen Auslandskirche ihren Platz zugewiesen hatte. Die Begegnung mit dem Leben, den Leiden und der Treue unserer Neumärtyrer zu Christus wurde für viele zu einem Weg, die Orthodoxie kennenzulernen, und führte sie in den Schoß der heiligen Kirche.
Die große Tragweite der Verehrung der Neumärtyrer und Bekenner liegt aber auch insbesondere darin, dass sie zur Wiederherstellung der vollen brüderlichen Gemeinschaft innerhalb der gesamten Russischen Orthodoxen Kirche im Jahr 2007 beitrug. Diejenigen, die für die eine Kirche Christi gelitten haben, können nicht das Erbe nur eines ihrer Teile sein. Ihr Andenken wurde zum gemeinsamen geistlichen Erbe der gesamten Kirche, und ihre Gebete wurden zum geistlichen Band zwischen ihren Kindern in allen Ländern und auf allen Kontinenten.
Wenn wir heute ihrer Verherrlichung gedenken, wollen wir uns auch der großen Verantwortung bewusst bleiben, die auf uns ruht. Die Verehrung der Neumärtyrer darf für uns nicht nur Erinnerung an die Vergangenheit sein, sondern muss uns dazu aufrufen, nach ihrem Glauben zu leben. Sie bewahrten in den Prüfungen die Einheit mit Christus; uns aber obliegt es, Frieden, Liebe und Eintracht untereinander zu wahren. So lasst uns heute unsere inständigen Gebete zu den heiligen Neumärtyrern und Bekennern erheben, damit sie, die nun vor Gottes Thron stehen, für uns und die gesamte Russische Kirche Fürsprache einlegen. Bitten wir sie, dass ihre Verehrung und ihre Fürbitte auch künftig zur Bewahrung der kirchlichen Einheit beitragen und dass sie vom Herrn Frieden, Eintracht und Liebe unter allen Kindern der historischen Rus und ihrer Kirche erflehen, wo immer diese auch leben mögen.
„Durch die Verherrlichung der Märtyrer werden wir durch ihre Gebete der größten Hilfe Gottes gewürdigt. Diese Hilfe brauchen alle, die nach Gottes Geboten leben wollen, vor allem aber die verfolgten und leidenden Christen unserer furchtbaren Zeit“, so heißt es im Sendschreiben des Bischofskonzils von 1981. Mögen die heiligen Neumärtyrer uns Mut zum Bekenntnis des orthodoxen Glaubens, Treue zur kirchlichen Überlieferung und jene aufopfernde Liebe lehren, mit der sie Christus und ihren Nächsten gedient haben. Möge der Herr auf ihre Gebete hin die heilige Russische Kirche in Einheit, Frieden und Liebe bewahren und uns alle im Glauben, in der Hoffnung und im Vertrauen auf Ihn stärken. Amen.
Indem ich um Eure heiligen Gebete bitte, verbleibe ich in der Liebe des Herrn,
+ NIKOLAJ
Metropolit von Ostamerika und New York
Ersthierarch der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland
19. Oktober/1. November 2026





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