Das Archiv der Berliner und Deutschen Diƶzese der Russischen Auslandskirche ā ein Schlüssel zur Geschichte der russischen Orthodoxie in Deutschland
- Der Bote
- 12. Nov. 2025
- 27 Min. Lesezeit
Autor: Kinstler Anatolij Vladimirovich
Wenn ein Forscher sich an den Archivbestand der Deutschen Diƶzese der Russischen Orthodoxen Kirche wendet, steht er vor einer einzigartigen historischen Situation. Auf dem Gebiet Deutschlands existieren zwei russisch-orthodoxe Berliner und Deutsche Diƶzesen ā und dementsprechend auch zwei getrennte Diƶzesanarchive, von denen jedes über eine eigene, unverwechselbare Sammlung von Dokumenten verfügt.
Das erste Archiv befindet sich in Berlin und gehƶrt zur Berliner und Deutschen Diƶzese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats (MP). Das zweite Archiv wird in München aufbewahrt und ist Eigentum der Berliner und Deutschen Diƶzese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA). Das Vorhandensein zweier Diƶzesen ist eine Folge der revolutionƤren Ereignisse von 1917 ā des Zusammenbruchs des Russischen Kaiserreichs, der Massenemigration und der darauffolgenden kirchlichen Spaltung. Die Dokumente des Archivs der Deutschen Diƶzese der ROKA stellen eine einzigartige Quelle zur Geschichte der russischen Emigration und des Lebens der orthodoxen Diaspora auf dem europƤischen Kontinent dar; ihnen ist dieser Artikel gewidmet.
Die Deutsche Diƶzese der ROKA wurde 1926 gegründet, doch das Ƥlteste Dokument ihres Archivs stammt aus dem Jahr 1824. Dieser hundertjƤhrige Abstand wirft berechtigte Fragen auf: Warum besteht ein so groĆer Unterschied zwischen dem Alter der Diƶzese und ihren Ƥltesten Archivakten? Wem gehƶrten diese Dokumente, und wo wurden sie aufbewahrt, bevor sie in das Diƶzesanarchiv gelangten?
Die Antworten auf diese Fragen liegen in der mehr als 300-jährigen Geschichte der russischen orthodoxen Präsenz auf deutschem Boden. Die Erforschung dieser Geschichte kann Aufschluss über die Entstehung der Dokumentensammlung des Archivs der Deutschen Diözese der ROCOR geben, da ihre ältesten Dokumente Fragmente von Archiven sind, die bereits vor der Bildung der diözesanen Struktur existierten.
Der vorliegende Artikel basiert auf Materialien der Forschungsarbeit des Autors, die in der deutschsprachigen Publikation āArchiv der Deutschen Diƶzese im Kontext der Geschichteā in der Zeitschrift des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen āArchivarā verƶffentlicht wurde [1].
Eine weitere Grundlage bildete der Vortrag über das Archiv der Deutschen Diƶzese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland, den der Autor am 25. November 2024 im Rahmen des Kurses āQuellen zur Kirchengeschichte des 20. Jahrhundertsā für Masterstudenten des Sankt-Philaret-Instituts (Moskau) hielt. Obwohl die Geschichte des Archivs der Deutschen Diƶzese bisher noch nicht Gegenstand einer eigenstƤndigen monographischen Untersuchung war, wurden einzelne Dokumentenkomplexe bereits erforscht. Als Beispiel kann der 2015 verƶffentlichte Artikel āDas baltische orthodoxe Thema im Archiv der Deutschen Diƶzeseā genannt werden, der Quellen zur Geschichte der Orthodoxen Kirche in Estland, Lettland und Litauen, die in diesem Archiv aufbewahrt werden, in den wissenschaftlichen Umlauf eingeführt hat [2]. Dies unterstreicht das bedeutende wissenschaftliche Potenzial des Bestands und die Mƶglichkeiten seiner weiteren Erforschung.
Der Beginn der russischen Orthodoxie in Deutschland: Dynastische Verbindungen und die ersten Kirchen
Die Geschichte der russischen orthodoxen Präsenz in Deutschland reicht über drei Jahrhunderte zurück und begann durch dynastische Verbindungen. Bereits im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts, als Ehen zwischen Vertretern deutscher Fürstenhäuser und der russischen Zarenfamilie geschlossen wurden, entstanden die ersten orthodoxen Kirchen und Kapellen für russische Bräute.
So wurde im Jahr 1716 in der Residenz des Herzogs Karl Leopold von Mecklenburg-Schwerin (1678ā1747) eine Kirche für seine Gemahlin, die Zarentochter Katharina Ioannowna (1691ā1733), Nichte des Zaren Peter I., errichtet.
Manchmal errichteten deutsche Kƶnige und Herzƶge prachtvolle Kirchen zum ewigen Gedenken an ihre russischen Ehefrauen ā als Ausdruck tiefer Zuneigung. Ein Beispiel dafür ist die majestƤtische Grabeskirche der heiligen GroĆmƤrtyrerin Katharina in Stuttgart-Rotenberg, die Kƶnig Friedrich Wilhelm I. von Württemberg (1781ā1864) in den Jahren 1820ā1824 zum Gedenken an seine Gemahlin Katharina Pawlowna (1788ā1818), Tochter des russischen Kaisers Paul I., erbauen lieĆ.
In den Jahren 1847ā1855 lieĆ Herzog Adolf Wilhelm von Nassau (1817ā1905) in Wiesbaden zum Gedenken an seine verstorbene Gemahlin Elisabeth Michailowna (1826ā1845) die Kirche der heiligen rechtschaffenen Elisabeth errichten. Diese Kirche zƤhlt zu den architektonischen Juwelen und Sehenswürdigkeiten Wiesbadens.

Gesandtschafts- und Kurkirchen: Die Ausweitung der russischen orthodoxen PrƤsenz im 19. Jahrhundert
Die dynastischen Verbindungen ebneten den Weg für die Festigung diplomatischer Beziehungen. Für die seelsorgerischen Bedürfnisse russischer Diplomaten und Botschaftsangehƶriger entstanden in den HauptstƤdten der deutschen Fürstentümer sogenannte āGesandtschaftskirchenā. Diese Kirchen, die dem AuĆenministerium des Russischen Kaiserreichs und dem Heiligen Synod unterstanden, wurden zu kleinen Inseln der russischen Orthodoxie.
Im 19. Jahrhundert gewann die russische Präsenz jedoch eine neue Dimension: Für Mitglieder der kaiserlichen Familie, für die russische Aristokratie sowie für die kulturelle und wissenschaftliche Elite Russlands wurde es zur Tradition, deutsche Kurorte zur Heilung und Erholung zu besuchen. Solche Aufenthalte dauerten oft mehrere Monate. In einem Kurort konnten sich gleichzeitig mehrere Hundert bis mehrere Tausend Russen aufhalten. So kamen beispielsweise im Jahr 1906 allein nach Wiesbaden 7 500 Besucher aus Russland.
In Deutschland wurden Russen geboren, getauft, getraut und beerdigt. Zwar konnten die āGesandtschaftskirchenā die Registrierung dieser Ereignisse übernehmen und die Sakramente der Taufe und Trauung spenden, doch konnten sie die tiefe ReligiositƤt der russischen Gesellschaft nicht vollstƤndig befriedigen. Zum einen befanden sich die Gesandtschaftskirchen meist in den RƤumen der Botschaften und waren ursprünglich nicht für grƶĆere ƶffentliche Gottesdienste vorgesehen. Zum anderen lagen die Botschaften in den HauptstƤdten der deutschen Fürstentümer, was es für russische Reisende erschwerte, orthodoxe Gottesdienste dort zu besuchen.
Dieses Problem wurde durch den Bau russischer orthodoxer Kirchen in deutschen Kurorten gelöst. Zu den bekanntesten gehören: die Kirche der heiligen Märtyrerin, der Zarin Alexandra, in Bad Ems (1876),  die Verklärungskirche in Baden-Baden (1882),  die Kirche des heiligen Sergius von Radonesch in Bad Kissingen (1901).
Mit dem Bau dieser Kirchen erhielt die russische Kultur in Deutschland einen neuen Entwicklungsschub.

Das dokumentarische vorrevolutionƤre Erbe
Die weitere Entwicklung der russisch-deutschen Beziehungen wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 unterbrochen. Der Zustrom russischer Touristen nach Deutschland kam nahezu vollständig zum Erliegen. Russische Kirchen wurden geschlossen und geplündert. Der Klerus war gezwungen, das Land zu verlassen und die Kirchen samt ihrem Besitz dem Schicksal zu überlassen. Eines der tragischsten Beispiele für den Verlust kulturellen Erbes war die Plünderung des Hauses des Kaisers Alexander III. in Tegel im Jahr 1914 [3]. Dieses Kulturzentrum, das durch die Bemühungen von Erzpriester Alexei Malzew gegründet worden war, beherbergte die umfangreiche Bibliothek der Bruderschaft des Heiligen Fürsten Wladimir sowie die einzigartigen Sammlungen des Museums der Russischen Geschichte und der Russischen Kirche in Deutschland. Der Verlust dieser unschätzbaren Bestände wurde zu einer der ersten und bittersten Folgen des Krieges für die russisch-orthodoxe Präsenz auf deutschem Boden. Auch das Gebäude der russischen Botschaft in Berlin wurde verwüstet, wobei wahrscheinlich auch Archivdokumente der Botschaft, darunter kirchliche Unterlagen, vernichtet wurden.

Die Hauptdokumentation der sogenannten āGesandtschaftskirchenā bis 1917 blieb dennoch erhalten, da sie sowohl im Archiv des AuĆenministeriums des Russischen Kaiserreichs als auch im Synodalarchiv der Russischen Orthodoxen Kirche in Sankt Petersburg aufbewahrt wurde. Heute befindet sich der GroĆteil dieser Dokumente, die das Leben der Gesandtschaftskirchen betreffen, im Archiv der AuĆenpolitik des Russischen Kaiserreichs (AVPRI) des AuĆenministeriums der Russischen Fƶderation in Moskau, wƤhrend die BestƤnde des Synodalarchivs im Russischen Staatlichen Historischen Archiv (RGIA) in Sankt Petersburg lagern. Leider haben sich die Unterlagen der vorrevolutionƤren Kirchen, die in Deutschland verblieben, nur fragmentarisch erhalten, da viele von ihnen im Strudel von Krieg und Revolution verloren gingen. Dies verleiht den russischen Archiven umso grƶĆeren Wert für die Erforschung dieser Epoche.
Das kirchliche Leben der russischen Emigration: Vom ārussischen Berlinā bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten
Die Situation Ƥnderte sich nach der Revolution in Russland im Jahr 1917. Millionen von Russen waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. In Deutschland befanden sich etwa 1.250.000 ehemalige russische Staatsbürger. An die Stelle des vorrevolutionƤren ārussischen Wiesbadenā trat in den 1920er Jahren das PhƤnomen des ārussischen Berlinā, wo sich das kulturelle und wissenschaftlich-akademische Leben aktiv entwickelte. Berlin wurde zum Anziehungspunkt der Emigration: āAuf dem Hƶhepunkt des ārussischen Berlinā im Jahr 1923 kƶnnten sich in der deutschen Hauptstadt mehr als 350.000 ehemalige Untertanen des Zaren befunden haben.ā[4]
Diese Ereignisse konnten sich nicht ohne Einfluss auf das kirchliche Leben der russischen Emigration auswirken. Trotz der schwierigen Bedingungen der Nachkriegs- und Nachrevolutionskrise in Deutschland begann das kirchliche Leben wieder aufzublühen ā allerdings unter vƶllig neuen UmstƤnden, da die finanzielle Unterstützung aus Russland vollstƤndig eingestellt wurde. Bis 1917 erhielten die orthodoxen Kirchen in Deutschland staatliche oder private finanzielle Mittel. Nach dem Sturz der Monarchie und der Machtübernahme durch die Bolschewiki versiegten diese Geldquellen. Die bolschewistische Regierung nahm von Beginn an eine feindliche Haltung gegenüber der Religion und der Russisch-Orthodoxen Kirche ein. Durch einen Regierungsdekret wurde die Kirche vom Staat getrennt. Kirchen und Klƶster in Sowjetrussland wurden geplündert und zerstƶrt, Geistliche und GlƤubige verfolgt. Mehrfach wurde das Oberhaupt der Russischen Kirche, Patriarch Tichon (Bellavin), verhaftet. Der Metropolit von Sankt Petersburg, in dessen ZustƤndigkeit sich vor der Revolution alle kirchlichen Auslandsinstitutionen befanden, hatte keine Mƶglichkeit mehr, die orthodoxen Gemeinden auĆerhalb Russlands zu leiten.
Im Jahr 1919, wƤhrend des Bürgerkriegs und der fehlenden Verbindung mit dem kirchlichen Zentrum in Moskau, entstand im Südosten Russlands, der noch nicht von den Bolschewiki kontrolliert wurde, eine Hƶhere VorlƤufige Kirchenverwaltung. Diese Verwaltung übernahm die Verantwortung nicht nur für innerkirchliche Fragen des Südostens Russlands, sondern auch für Angelegenheiten der kirchlichen Diaspora auĆerhalb Russlands. Nach der Evakuierung von der Krim nach Konstantinopel im Jahr 1920 hielt die Hƶhere VorlƤufige Kirchenverwaltung am 6. November 1920 eine Sitzung ab, die den Beginn der russischen Auslandskirchenverwaltung markierte.[5]

Am 23. Oktober 1920 beschloss die Verwaltung, dass alle russischen Kirchen im Ausland ihrer Leitung unterstellt seien, bis eine Verbindung mit dem Moskauer Patriarchen wiederhergestellt werden kƶnne. Bereits am 1. Oktober 1920 hatte sie Erzbischof Jewlogij (Georgijewski) zum Leiter der Kirchen in Westeuropa ernannt ā eine Ernennung, die Patriarch Tichon am 8. April 1921 bestƤtigte. Zu Jewlogijs ZustƤndigkeitsbereich gehƶrten auch die Kirchen in Deutschland. In den Jahren 1921ā1922 lebte er in Berlin, bevor er Ende 1922 seinen Verwaltungssitz nach Paris verlegte. 1924 wurde innerhalb der Russischen Auslandskirche (ROKA) ein deutsches Vikariat gegründet, das Metropolit Jewlogij unterstellt war und vom Berliner Bischof Tichon (Laschtschenko) geleitet wurde. Die Beziehungen zwischen Metropolit Jewlogij und der Bischofssynode der ROKA verschƤrften sich allmƤhlich aufgrund der Ansprüche Jewlogijs auf die volle kirchliche AutoritƤt in Westeuropa. Im Juni 1926 wandelte die Bischofssynode das deutsche Vikariat in eine selbstƤndige Diƶzese um ā einer der Gründe für den Bruch zwischen Jewlogij und der Synode. Bischof Tichon und ein Teil des Klerus blieben der ROKA treu, wƤhrend in Jewlogijs Obhut einige orthodoxe Gemeinden in Deutschland verblieben. Metropolit Jewlogij blieb eine Zeit lang in der Jurisdiktion der Moskauer Kirchenleitung, akzeptierte deren Politik der LoyalitƤt gegenüber der sowjetischen Regierung jedoch nur mit Vorbehalten. 1931 wechselte er in die Jurisdiktion des Ćkumenischen Patriarchats von Konstantinopel und kehrte 1945, kurz vor seinem Tod, wieder in die Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats zurück.
Die ROKA verstand sich als freier Teil der Russischen Landeskirche und unterstand der Kirche in Moskau nur de jure. 1927, nach der Veröffentlichung der bekannten Loyalitätserklärung der Moskauer Kirchenleitung gegenüber der Sowjetregierung, löste sich die ROKA endgültig aus der administrativen Unterordnung unter Moskau, da sie diese Haltung als unannehmbar betrachtete und betonte, dass die Moskauer Patriarchie unter sowjetischen Bedingungen nicht frei handeln könne.
Die Lage der orthodoxen Gemeinden in Deutschland in den 1930erā1940er Jahren
Die Haltung der 1933 in Deutschland an die Macht gekommenen Nationalsozialisten gegenüber den russisch-orthodoxen Gemeinden war widersprüchlich. Das lag an den unterschiedlichen Auffassungen der verschiedenen Behƶrden des NS-Regimes. Die 1935 gegründete Reichskirchenabteilung verfolgte gegenüber der Kirche eine eher gemƤĆigte Politik. Die NSDAP und die Gestapo hingegen befürworteten die Abschaffung der Kirche und neigten zu radikalen, repressiven MaĆnahmen. Die Reichskirchenabteilung sah in der Kirche ein mƶgliches Instrument politischer und propagandistischer Zwecke. Man ging davon aus, dass eine Unterstützung der Kirche die Beziehungen zu LƤndern mit starker orthodoxer PrƤgung (z. B. Bulgarien, RumƤnien) verbessern und sie in den Ā antibolschewistischen Block einbeziehen kƶnnte. AuĆerdem erhoffte man sich, dass die Unterstützung orthodoxer Gemeinden in Deutschland künftig die Stimmung der sowjetischen Bevƶlkerung beeinflussen kƶnnte, die in der UdSSR unter Religionsverfolgung litt. Zu diesem Zweck betrieb das Ministerium eine Politik der Vereinheitlichung der russisch-orthodoxen Gemeinden in Deutschland. Ziel war die Vereinigung aller orthodoxen Gemeinden in einer Struktur, deren organisatorisches Zentrum die deutsche Diƶzese der ROKA sein sollte ā die konservativste, zahlreichste und entschieden antikommunistische Gruppierung.[6]

Nach mehreren Jahren der Verhandlungen und des Drucks auf die Gemeinden Metropolit Jewlogijs konnte nur ein begrenzter Kompromiss erzielt werden: diese Gemeinden wurden der deutschen Diƶzese der ROKA administrativ unterstellt, behielten jedoch ihre SelbststƤndigkeit und ihre Verbindung zum kirchlichen Zentrum in Paris. Im Rahmen der politischen Instrumentalisierung der Russischen Kirche gewƤhrten die Nationalsozialisten 1936 der deutschen Diƶzese der ROKA den Status einer Kƶrperschaft des ƶffentlichen Rechts, unterstützten 1936ā1938 den Bau der Kathedrale der Auferstehung Christi in Berlin und erarbeiteten 1938 das Gesetz āĆber den Grundbesitz der Russisch-Orthodoxen Kirche in Deutschlandā. Die Russische Kirche erkannte jedoch die antichristliche Natur des Nationalsozialismus und lieĆ sich von diesen Privilegien nicht tƤuschen. Ihr Ziel war es, unter der Diktatur des NS-Regimes zu überleben und weiterhin von Christus zu zeugen.
Mit Beginn des Krieges zwischen Deutschland und der UdSSR 1941 verschlechterte sich die Lage der deutschen Diƶzese der ROKA erheblich. Zwar versuchte die Reichskirchenabteilung, die widersprüchlichen Positionen innerhalb des Regimes abzumildern, doch setzten sich zunehmend die restriktiven Haltungen der NSDAP und des Reichssicherheitshauptamts durch. Der Diƶzese wurde verboten, ein theologisches Institut zu erƶffnen oder sowjetischen Kriegsgefangenen und ehemaligen Landsleuten in den besetzten Gebieten Hilfe zu leisten. Einige Priester riskierten ihr Leben, indem sie illegal Kriegsgefangenenlager besuchten und dort materielle und seelsorgerische Hilfe leisteten. Geistliche, die aktiv helfen wollten, wurden von der Gestapo verhƶrt. Ab 1942 wurden zahlreiche Zivilisten aus den besetzten sowjetischen Gebieten als sogenannte āOstarbeiterā nach Deutschland gebracht. Für sie wurden separate Lager eingerichtet, in die der Zugang einfacher war. Die Betreuung dieser Ostarbeiter wurde zu einer wichtigen Aufgabe der deutschen Diƶzese. Ihre Gemeindezahl wuchs stark an. Im selben Jahr wurde die deutsche Diƶzese in den mitteleuropƤischen Metropolbezirk umgewandelt, der von Metropolit Serafim (Lade), einem Deutschen, geleitet wurde. Dieser Bezirk umfasste russisch-orthodoxe Gemeinden in Deutschland, im Protektorat Bƶhmen und MƤhren, in Belgien, der Slowakei und Luxemburg.
In den tragischen Kriegsjahren leistete die deutsche Diƶzese vielfƤltige Hilfe für ihre Landsleute ā Kriegsgefangene, Ostarbeiter und Flüchtlinge aus der UdSSR. Nach dem russischen Historiker M. W. Schkarowski wurde diese Hilfe von vielen Kirchenvertretern als Form des Widerstands gegen das NS-Regime betrachtet.[7]
Mehrere Geistliche und Laien der deutschen Diƶzese wurden wƤhrend des Krieges von den Nationalsozialisten hingerichtet, darunter die bekannten Antifaschisten Liana Berkovets (1923ā1943) aus der Gruppe āRote Kapelleā und Alexander Schmorell (1917ā1943) aus der Gruppe āWeiĆe Roseā.[8] Sie verfassten und verbreiteten antifaschistische FlugblƤtter. Alexander Schmorell war Mitglied der Münchener orthodoxen Gemeinde des hl. Nikolaus der deutschen Diƶzese der ROKA. 2012 wurde er von der Russisch-Orthodoxen Kirche als Heiliger MƤrtyrer kanonisiert. Im Protektorat Bƶhmen und MƤhren wurden der Prager Bischof Gorazd (Pavlik) und mehrere orthodoxe Priester wegen der Unterstützung der AttentƤter auf den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, hingerichtet.
Die deutsche Diƶzese ā von der Emigration zur neuen Diaspora
Nach der Niederlage im Krieg wurde Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt ā eine sowjetische mit Zentrum in Berlin sowie eine amerikanische, britische und franzƶsische Zone. Die deutsche Diƶzese schrumpfte auf das Gebiet Westdeutschlands und verlor fast alle Kirchen, darunter auch die Berliner Kathedrale, die sich in der sowjetischen Zone befand. Der Sitz der Diƶzese wurde nach München verlegt. In den Jahren 1945ā1950 wurde Deutschland zum provisorischen Verwaltungszentrum der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA), nachdem der Bischofssynod aus Jugoslawien dorthin evakuiert worden war. Seit 1950 befindet sich der Synod in New York. 1946 schlossen sich der ROKA die wƤhrend des Krieges nach Deutschland evakuierten Bischƶfe und Geistlichen der weiĆrussischen und ukrainischen orthodoxen Kirchen an. Einige weiĆrussische und ukrainische Bischƶfe übernahmen die Leitung von Vikariaten innerhalb der deutschen Diƶzese.
Neben der Aufgabe, das kirchliche Leben im Nachkriegsdeutschland wiederaufzubauen und die durch Bombenangriffe beschƤdigten Kirchen zu reparieren, widmete die deutsche Diƶzese ihre Hauptaufmerksamkeit den Bedürfnissen der sogenannten ādisplaced personsā (Heimatvertriebenen). Tausende dieser Menschen wurden dank des Einsatzes orthodoxer Priester vor der Auslieferung an die sowjetischen Behƶrden gerettet. In den Lagern der Vertriebenen gründete die Diƶzese zahlreiche Kirchengemeinden, erƶffnete Schulen und Gymnasien für Kinder und bildete Hilfskomitees für besonders Bedürftige. Die russischen Schulen und Gymnasien wurden von den Regierungen der deutschen LƤnder den deutschen Bildungseinrichtungen gleichgestellt. Gegen Ende der 1940er Jahre begann die Zahl der Vertriebenen in Deutschland zu sinken. Die deutsche Diƶzese unterstützte die Auswanderer bei der Wiederbeschaffung und Ausstellung von Dokumenten und organisierte Umsiedlungskomitees. Mit der Emigration der Vertriebenen aus Deutschland verringerte sich die Zahl der GlƤubigen in der Diƶzese erheblich ā eine Tendenz, die auch in den folgenden Jahrzehnten anhielt.

Eine VerƤnderung trat Ende der 1980er Jahre ein, als sogenannte āRusslanddeutscheā ā Nachkommen deutscher Siedler, die im 18.ā19. Jahrhundert aus Deutschland nach Russland ausgewandert waren ā nach Deutschland zurückkehrten. Einige von ihnen stammten aus gemischten Familien und waren bereits orthodox, viele aber fanden ihren Weg zum Glauben erst in Deutschland. Siebzig Jahre antireligiƶser Propaganda in der Sowjetunion hatten deutliche Spuren hinterlassen, sodass die deutsche Diƶzese die Aufgabe hatte, die neuen GlƤubigen im Geiste der christlichen Tradition neu zu erziehen und zu unterweisen, die die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland bewahrt hatte.
Seit 1946 existiert neben der deutschen Diƶzese der ROKA auch die deutsche Diƶzese des Moskauer Patriarchats. Ihre Struktur und Bezeichnung Ƥnderten sich im Laufe der Geschichte mehrfach. Wie bereits erwƤhnt, hatte die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland 1927 die kirchliche Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat abgebrochen. 1993 wurden Vertreter beider deutschen Diƶzesen zu Initiatoren eines Dialogs, der von 1993 bis 1997 in Form von Begegnungen der Kleriker beider Diƶzesen in Deutschland stattfand. Dieser Dialog war ein wichtiger Schritt im Prozess der Ćberwindung der kirchlichen Spaltung und der Wiederherstellung der Einheit der Russischen Kirche. Im Jahr 2007 unterzeichneten die Vorsteher der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland in Moskau einen Akt über die Wiederherstellung der kanonischen Gemeinschaft. Die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland ist seither eine selbstverwaltete Kirche innerhalb des Moskauer Patriarchats.
Die Geschichte des Archivs ist untrennbar mit den neuen Zentren des kirchlichen Lebens verbunden, die nach dem Krieg entstanden. Seit 1982 wird die deutsche Diƶzese der ROKA von Metropolit Mark (Arndt) geleitet, dessen Residenz sich im MƤnnerkloster des heiligen Ijob von Potschajew in München befindet (gegründet 1945). In diesem Kloster ā ebenso wie im Frauenkloster der heiligen MƤrtyrerin Elisabeth (gegründet 2005 in Buchendorf) ā wird heute ein bedeutender Teil der ArchivbestƤnde aufbewahrt. Diese Klƶster sorgen zusammen mit der Diƶzesanverwaltung für die Bewahrung des historischen Erbes, das bis heute weiterwƤchst.
Die Diƶzese umfasst etwa achtzig orthodoxe Gemeinden, in denen mehr als achtzig Priester und Diakone tƤtig sind. Sie engagiert sich aktiv in der Verlagsarbeit sowie in der Ćbersetzung orthodoxer Literatur und liturgischer Texte ins Deutsche.
Diƶzesanarchiv: Entstehung, historische Herausforderungen und Verluste
Der Archivbestand der Deutschen Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA) stellt eine umfassende Sammlung von Dokumenten dar, die alle Aspekte ihrer Tätigkeit widerspiegelt. Er umfasst die Materialien der Kanzlei des regierenden Bischofs der Berliner Deutschen Diözese, die Archive der Vikariate und der Weihbischöfe, die Unterlagen aller Gemeinden und Klöster der Diözese sowie die Archive orthodoxer Bruderschaften, Schwesternschaften und anderer orthodoxer Vereinigungen innerhalb der Diözese. Ein zentraler Bestandteil des Archivbestands der Deutschen Diözese ist das Diözesanarchiv, das die wichtigsten historischen Dokumente der Diözese sammelt. Die Deutsche Diözese besitzt Autonomie in Fragen der Organisation der Aufbewahrung, Erfassung und Nutzung ihres Archivbestandes. Dies ermöglicht ihr, eine eigene Archivpolitik festzulegen, und überträgt ihr zugleich die Verantwortung für die Bewahrung und Zugänglichkeit dieses wertvollen historischen Erbes.
In der Regel entstehen Diƶzesanarchive aus den Unterlagen der Kanzlei des regierenden Bischofs, die mit der Zeit ihre unmittelbare AktualitƤt verlieren. Jegliche Erinnerung ā auch die kirchliche ā entsteht aus dem alltƤglichen Handeln. Berichte, Gesuche, Meldungen und Erlasse, die im Rahmen der administrativen Leitung der Diƶzese erstellt werden, dienen zunƤchst einem konkreten, praktischen Zweck. Sobald dieses Ziel erreicht ist ā zum Beispiel, wenn ein Antrag bewilligt oder ein Bericht eingereicht wurde ā hƶrt das Dokument auf, Teil der laufenden Verwaltung zu sein. Mit der Zeit verƤndert sich die Relevanz der Dokumente allmƤhlich: Ćber einen gewissen Zeitraum hinweg kƶnnen sie weiterhin einen Referenz- oder Hilfswert behalten. Erst wenn diese Dokumente nicht mehr Teil der aktuellen Arbeit sind, erhalten sie eine neue Existenz, indem sie zu Quellen für historische Forschung werden.
So ist die Diƶzesankanzlei auch ein Ort, an dem die Umwandlung des Wertes von Dokumenten stattfindet. Dies gilt in vollem MaĆe für die Kanzlei des regierenden Bischofs der Deutschen Diƶzese, deren eigener Schriftverkehr mit der Gründung der Diƶzese im Jahr 1926 begann. Es ist wichtig zu beachten, dass die Dokumente des Deutschen Vikariats (1924ā1926) überwiegend im Zentrum des westeuropƤischen Metropolitenbezirks in Paris gesammelt wurden, der von Metropolit Eulogius (Georgijewskij) geleitet wurde. Das Archiv dieses Metropolitenbezirks wird derzeit an das Nationalarchiv Frankreichs übergeben. Gleichzeitig wurden Fragmente des vorrevolutionƤren Erbes weiterhin direkt in den Gemeinden in Deutschland aufbewahrt. Von 1926 bis 1945 befanden sich die Residenz des regierenden Bischofs von Berlin und Deutschland sowie das Kanzleiamt des Oberhauptes der Diƶzese in Berlin. Genau hier entstand im Zuge der tƤglichen Arbeit das Diƶzesanarchiv. Eine frühe ErwƤhnung des Archivs der Deutschen Diƶzese der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland und seines Zustands stammt aus dem Jahr 1942. Als der SekretƤr der Diƶzese, P. S. Sadowskij, am 27. September 1942 im Auftrag von Metropolit Seraphim (Lade) die KellerrƤume der Berliner Auferstehungskathedrale in Ordnung brachte, berichtete er dem Bischof, dass sich das Archiv in einem āschrecklichen Zustandā[9] befinde. Dies war durch die ƤuĆerst ungünstigen Lagerungsbedingungen der wertvollen Dokumente bedingt. Er stellte fest, dass die Archivmaterialien in den KellerrƤumen der Kathedrale, die erst 1938 errichtet worden war, schƤdlichen Einflüssen wie Feuchtigkeit und SchƤdlingen ā insbesondere MƤusen ā ausgesetzt waren. Ein Ƥhnliches Schicksal ereilte auch die Diƶzesanbibliothek, die im selben Raum aufbewahrt wurde.
Der Sekretär schlug dem Bischof vor, den Zustand des Archivs durch eine Prüfungskommission kontrollieren und dokumentieren zu lassen. Dieser Umstand ist ein wichtiges Zeugnis für die Existenzbedingungen des Archivs der Deutschen Diözese während des Zweiten Weltkriegs und weist auf die Notwendigkeit eines kritischen Umgangs mit Quellen aus dieser Zeit hin. Ebenso verweist er auf mögliche Lücken in den Archivbeständen, die durch den schlechten Zustand der Dokumente verursacht wurden.
Die letzten Apriltage des Jahres 1945 brachten eine neue Bedrohung für die Bewahrung des historischen Gedächtnisses der Deutschen Diözese. Am 23. April, nur zwei Tage bevor die Rote Armee mit dem entscheidenden Sturm auf die Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschlands begann, sahen sich Archimandrit Nathaniel (Lwow), der Vorsteher der Berliner Kathedrale, und der Hieromönch Vitalij (Ustinow) gezwungen, die Stadt eilig zu verlassen. Unter den Bedingungen des herannahenden Chaos und der Kampfhandlungen war ein Abtransport der Dokumente des Diözesanarchivs unmöglich.

Einer der SekretƤre der Deutschen Diƶzese, Igumen Georgij (Sokolow), bezeugte 1955: āErstens hat der verstorbene Bischof Seraphim keinerlei Diƶzesanarchiv ausgeführt, und er hatte auch gar keine Mƶglichkeit dazu, denn gemäà den damaligen Ausreisebestimmungen konnte er nur eine sehr bescheidene Menge seiner persƶnlichen Dinge mitnehmen.ā[10] Die in dem vom Krieg erschütterten Berlin ihrem Schicksal überlassenen wertvollsten Materialien gerieten so in Gefahr, vollstƤndig vernichtet oder verloren zu werden ā was ein weiteres tragisches Kapitel ihrer Erhaltung darstellt.
Nach dem Krieg gelangten die Kirchen der Deutschen Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland in Potsdam, Dresden und Leipzig sowie die Berliner Kathedralkirche und ein Teil ihres Klerus in die Zuständigkeit des Moskauer Patriarchats. Dementsprechend wurde auch das zuvor in Berlin aufbewahrte Archiv der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland künftig Teil der Bestände der Deutschen Diözese des Moskauer Patriarchats. Das Verwaltungszentrum der Deutschen Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland wurde nach München verlegt.
Von diesem Zeitpunkt an wurde der Schriftverkehr der Diƶzese nahezu vollstƤndig dokumentiert und ist mit nur minimalen Verlusten bis in unsere Zeit erhalten geblieben. Dies war das Ergebnis der Wiederbelebung der Archivarbeit in der Diƶzese, worauf auch der Vermerk āins Archivā auf Dokumenten aus der zweiten HƤlfte der 1940er Jahre hinweist.
Eine ErwƤhnung des Archivs des Vikarbischofs des Norddeutschen Vikariats mit Sitz in Hamburg, Athanasij (Martos), stammt aus dem Jahr 1950. Das Norddeutsche Vikariat war 1946 vom Bischofssynod der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland eingerichtet worden. Bei seiner Abreise zu einem neuen Dienstort in Australien schrieb Bischof Athanasij am 2. Mai 1950 an Metropolit Seraphim (Lade):
āIn dem erwƤhnten Bericht habe ich vergessen, Ihnen bezüglich des Archivs und der Finanzunterlagen zu schreiben. ⦠Ich fragte Sie, wie ich mit dem Archiv und dem Einnahme-Ausgabebuch verfahren solle, und Sie rieten mir, dies zu vernichten, falls es keinen besonderen Wert darstellt. Eigentlich habe ich es auch so gemacht. ⦠Mein Archiv bestand aus laufender, wenig bedeutender und bereits nicht mehr aktueller Korrespondenz mit Priestern und verschiedenen Personen. Diese Korrespondenz hatte einen halb privaten Charakter. Vor meiner Abreise aus Hamburg habe ich sie vernichtet, da sie keinerlei Bedeutung hatte. Nur wichtigere Briefe und Kopien aktueller Ernennungsdekrete habe ich zurückgelassen. Die Personalunterlagen der Priester und die Weiheakten habe ich anvertraut, Ihnen zu übergeben. Diese Dokumente sollen im Diƶzesanarchiv aufbewahrt werden.ā [11]
Die von Bischof Athanasij erwƤhnten Personalunterlagen der Priester und die Weiheakten fehlen im Diƶzesanarchiv. Dieser Abschnitt ist ein anschauliches Beispiel dafür, Ā wie reale historische UmstƤnde (Nachkriegszeit, fehlende Archivrichtlinien, āPragmatismusā des Klerus) die Bildung und den Erhalt kirchlicher Archive beeinflussten. Er zeigt den dezentralisierten Umgang mit Dokumentation auf der Ebene der Vikariate, der zu unwiederbringlichen Verlusten eines Teils des historischen Erbes führte ā insbesondere jener Teile, die aus Sicht der aktuellen Kirchenverwaltung nicht als āwichtigā galten. Gleichzeitig wird darin das Bewusstsein für die Notwendigkeit betont, die wertvollsten Materialien zur langfristigen Aufbewahrung dem Diƶzesanarchiv zu übergeben.
Praktisch während der gesamten Geschichte der Deutschen Diözese wurden die Aufgaben der Archivmitarbeiter von den Diözesansekretären übernommen, deren Hauptaufgabe in der Unterstützung der laufenden administrativen Tätigkeit der Diözese bestand. Für den Sekretär war das Archiv nicht die wichtigste Aufgabe, sondern eher eine nebengeordnete, die jedoch Aufmerksamkeit erforderte. Unter den Bedingungen des Nachkriegschaos, fehlender Finanzierung und mangelnder Fachkenntnisse hing die Bewahrung der Dokumente von der persönlichen Initiative, der Verantwortlichkeit und zu einem gewissen Grad auch der Intuition dieser Menschen ab.
Diese Situation macht das Archiv nicht nur zu einem Aufbewahrungsort, sondern zu einem Spiegel der Schicksale und Bemühungen konkreter Personen. Jedes Dokument, das bis in unsere Zeit erhalten blieb, ist ein Zeugnis ihres selbstlosen Einsatzes. Sie erkannten den Wert dieser Unterlagen, bewahrten sie vor Feuchtigkeit und SchƤdlingen, vor Vernichtung und Vergessen, weil sie in ihnen nicht einfach āalte Papiereā, sondern die lebendige Geschichte der Kirche und der Menschen sahen, die sie prƤgten. Somit ist die Erhaltung des Archivs der Deutschen Diƶzese nicht das Ergebnis einer planmƤĆigen und systematischen Arbeit, sondern vielmehr eine Geschichte darüber, wie der menschliche Faktor und persƶnliche Hingabe es ermƶglichten, Schwierigkeiten zu überwinden und ein unschƤtzbares Erbe für zukünftige Generationen zu bewahren.

Der langwierige und mühevolle Prozess der Systematisierung des Archivs der Deutschen Diƶzese wurde im Jahr 2009 begonnen und dauert bis heute an. Derzeit wird an der Inventarisierung, Katalogisierung und wissenschaftlichen ErschlieĆung der Dokumente gearbeitet, um sie für Forschende zugƤnglich zu machen.
Damit stellt die Geschichte des Archivbestands der Deutschen Diƶzese der Russischen Auslandskirche einen komplexen und vielschichtigen Prozess dar, der die entscheidenden Entwicklungsphasen der Diƶzese selbst widerspiegelt. Ursprünglich bildete sich das Archiv auf der Grundlage der Unterlagen der Kanzlei des regierenden Bischofs und umfasste Materialien aller diƶzesanen Strukturen. Unter dem Einfluss sowohl ƤuĆerer Faktoren (Weltkriege, geopolitische VerƤnderungen, die Teilung Deutschlands) als auch innerer Faktoren (dezentralisierte Entscheidungen im Dokumentenmanagement, Fehlen von ArchivfachkrƤften) war es erheblichen VerƤnderungen und Verlusten ausgesetzt. Die Kriegsbedingungen und das Zurücklassen des Archivbestands in Berlin führten zum unwiederbringlichen Verlust eines Teils der Dokumente, wƤhrend andere BestƤnde des Archivguts an das Moskauer Patriarchat übergingen. Die Verlegung des Zentrums der Diƶzese nach dem Krieg nach München markierte eine neue Phase, die von einer vollstƤndigeren Erhaltung der Dokumentation geprƤgt war. Dennoch weisen Beispiele lokaler Vernichtung von Unterlagen auf Ebene einzelner Vikariate auf den fragmentarischen Charakter der Bestandsbildung hin. Trotz aller Herausforderungen und des Fehlens einer systematisierten Archivarbeit wƤhrend des grƶĆten Teils des 20. Jahrhunderts spielten die selbstlosen Bemühungen der diƶzesanen SekretƤre eine entscheidende Rolle bei der Bewahrung des Hauptteils des Bestands. Dies verleiht dem Archiv einen einzigartigen Charakter als Quelle, die einer kritischen Analyse bedarf ā unter Berücksichtigung seiner komplexen Entstehungsgeschichte, der Verluste und der Besonderheiten seiner Erhaltung ā und zugleich von auĆergewƶhnlichem Wert für die Erforschung der Geschichte der russischen Orthodoxie und der Emigration in Deutschland ist.
Die HauptbestƤnde des Archivs der Deutschen Diƶzese der Russischen Auslandskirche
Das Archiv der Deutschen Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland stellt eine einzigartige Sammlung von Dokumenten dar, die nach mehreren Schlüsselbeständen systematisiert ist und die vielfältigen Tätigkeitsbereiche der Diözese widerspiegelt.

Bestand der Kirchengemeinden: Von den AnfƤngen bis zur Gegenwart
Einer der grƶĆten und meistgenutzten BestƤnde des Archivs ist der Bestand der Kirchengemeinden. Er umfasst Unterlagen sowohl bestehender als auch aufgelƶster russisch-orthodoxer Gemeinden und Vikariate auf dem Gebiet Deutschlands. Zu den Ƥltesten und wertvollsten Materialien gehƶren die Dokumente zur Organisation des kirchlichen Lebens in Stuttgart ab 1824, in Bad Ems ab 1874 sowie in Wiesbaden seit den 1860er-Jahren. Von besonderem historischem Wert sind die Akten zur Gründung der Gemeinde des hl. Nikolaus in München im Jahr 1922 sowie die Unterlagen der Kirchengemeinden, die in Lagern für Displaced Persons bestanden.Ā
Bestand der Personenstandsunterlagen: Eine Chronik menschlicher Lebenswege
Einen bedeutenden Teil des Archivs bilden die Kirchenbuchunterlagen, die besonders für genealogische Forschungen gefragt sind. Wie bereits erwähnt wurde, half die Deutsche Diözese in der Nachkriegszeit ehemaligen Landsleuten bei der Wiederbeschaffung ihrer Dokumente. Dabei handelte es sich um Bürger der UdSSR, Polens, Jugoslawiens und anderer Länder. Vertriebenen und Displaced Persons fehlten die Dokumente meist vollständig. Die Unterlagen gingen bei Bränden, Bombenangriffen oder in Lagern verloren.
Um einen Kirchenbucheintrag für eine Person wiederherzustellen, mussten mehrere Zeugen gefunden werden, die den Geburts-, Tauf- oder Trauort dieser Person bestätigen konnten. Nach Abschluss des festgelegten Verfahrens erhielten die Displaced Persons Bescheinigungen, die mit der Unterschrift des Leiters der Deutschen Diözese beglaubigt wurden.
Neben diesen Dokumenten enthalten auch die Kirchenbücher der Gemeinden, die sich in Lagern für Displaced Persons befanden, tausende EintrƤge. Doch dies ist nur ein Teil der Unterlagen im Bestand der Kirchenbücher. Einen groĆen Bestandteil dieses Bestands bilden die Kirchenbuchakten nahezu aller Gemeinden der Diƶzese ā Tauf-, Trau- und Bestattungsregister. Diese Materialien sind sowohl für die Forschung als auch für die Nachkommen russischer Emigranten von groĆer Bedeutung.
Bestand der Personalakten: PortrƤts der Geistlichen
Das Archiv enthält einen eigenen Bestand an Personalakten der Geistlichen und kirchlichen Mitarbeiter der Diözese. Im Verlauf der Geschichte der Deutschen Diözese wirkten in ihr Diözesan- und Weihbischöfe, Hunderte von Priestern, Diakonen und Mönchen sowie Tausende von kirchlichen Mitarbeitern. Die seit 1945 erhaltenen Dokumente dieses Bestands ermöglichen es, die Biografien und das Erbe vieler bekannter kirchlicher Persönlichkeiten zu erforschen, für die Deutschland häufig nur ein Transitland auf dem Weg zu ihrem Dienst in Amerika, Australien und anderen Regionen war.
Bestand der diƶzesanen Korrespondenz: Stimmen einer Epoche
AuĆerordentlich aufschlussreich ist der Bestand der diƶzesanen Korrespondenz aus den 1940er bis 1990er Jahren. Er umfasst Schreiben an staatliche und finanzielle Institutionen Deutschlands, an Vertreter anderer christlicher Konfessionen sowie an Kleriker und Laien. Von besonderem Wert sind die Briefe von Kriegsgefangenen und āOstarbeiternā, die um geistliche und materielle Unterstützung baten. Die Korrespondenz der 1980er und 1990er Jahre zeugt vom geistlichen Wiederaufleben in der UdSSR: Tausende von Menschen wandten sich an die Diƶzese mit Bitten um geistliche Literatur, Ikonen und Bücher, die regelmƤĆig an Bedürftige versandt wurden.
Fotokollektion: Eine visuelle Chronik des diƶzesanen Lebens
Das Fotoarchiv des Bestands umfasst eine Sammlung, die die wichtigsten Ereignisse im Leben der Diözese von den 1920er bis zu den 1990er Jahren festhält. Auf den Aufnahmen sind die Oberhäupter der Diözese, das geistliche Personal, Gemeindemitglieder sowie Teilnehmer interkonfessioneller Begegnungen und Konferenzen zu sehen. Dadurch stellt diese Sammlung eine wertvolle Quelle für die visuelle Geschichte der Russischen Kirche im Ausland dar.
Diese Bestände bewahren nicht nur die Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland, sondern dienen auch als wichtige Ressource für die Erforschung der russischen Emigration, der Genealogie und der kulturellen Verbindungen.
ArchivergƤnzung: Von persƶnlicher Initiative zur ƶffentlichen Geschichte
Die Kanzlei des Oberhauptes der deutschen Diƶzese, die Vikariate, die Kirchengemeinden und Privatpersonen dienen als zentrale Quellen für die ErgƤnzung des Diƶzesanarchivs und sichern so die Bewahrung des historischen Erbes. Die Aufbewahrungsfristen für Dokumente in der Kanzlei und ihre Ćbergabe an das Archiv richten sich nach der Relevanz dieser Dokumente für das aktuelle kirchliche Leben. In jeder Gemeinde entsteht durch die alltƤgliche TƤtigkeit ein eigenes Archiv. Die Lagerungsbedingungen ermƶglichen es den Gemeinden hƤufig, Archivdokumente über lange Zeit aufzubewahren. So werden beispielsweise in der St.-Elisabeth-Kirche in Wiesbaden Dokumente seit 1847 aufbewahrt. Nach der Auflƶsung einer Kirchengemeinde oder einer anderen kirchlichen Struktur werden deren Unterlagen an das Diƶzesanarchiv übergeben. Die Ćbergabe neuer Dokumente an das Archiv ist ein vielschichtiger Prozess, in dem nicht festgelegte Verfahren, sondern persƶnliche Initiative und zufƤllige UmstƤnde eine entscheidende Rolle spielen. So gelangen Dokumente auch von Privatpersonen, insbesondere aus der russischen Emigration, in das Archiv. Im Jahr 2021 wurde dem Archiv der deutschen Diƶzese ein umfangreicher Bestand des Professors für Mathematikgeschichte an der UniversitƤt Mainz, des Nachkommen der Moskauer Kaufmannsfamilie erster Gilde, Nikolai Nikolajewitsch Stulow (1914ā2006), übergeben.[12]

Seit seiner Jugend und bis zu seinem Lebensende leistete Nikolai Nikolajewitsch kirchlichen Dienst in der deutschen Diƶzese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland. Sein Dienst begann als Subdiakon unter dem regierenden Bischof Tichon (Ljatschenko), spƤter wurde er Kirchvorsteher der Gemeinde in Wiesbaden.

Im Jahr 2022 wurden Archivunterlagen der aufgelösten österreichischen Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland in das Archiv übernommen. Die österreichische Diözese wurde in den 1930er-Jahren als Vikariat der deutschen Diözese gegründet und 1946 zu einer eigenständigen Diözese erhoben. 1988 wurde die Diözese aufgehoben, und im Jahr 2000 wurde die Verwaltung der österreichischen Gemeinden Erzbischof Mark (Arndt) von Berlin und Deutschland übertragen. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die 2022 übergebenen Unterlagen keine vollständige Sammlung darstellen, da das Archiv der ersten beiden Jahrzehnte der Geschichte dieser Diözese 1950 bei einem Brand verloren ging.
Die Heldentat der Bewahrung: Das Archiv der Familie Stulow
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Geschichte der Ćbergabe des Bestandes von N. N. Stulow an das Archiv. Dieser Fall zeigt anschaulich, wie fragil das historische GedƤchtnis ist und welche entscheidende Rolle eine einzelne Person bei seiner Bewahrung spielen kann. Nach dem Tod von Nikolai Nikolajewitsch Stulows Ehefrau, Maria Pawlowna (geb. Hertha Giani, 1924ā2021), waren die in ihrer Wohnung aufbewahrten umfangreichen Familien- und Kirchendokumente vom vollstƤndigen Verlust bedroht. Das langjƤhrige Gemeindemitglied der Kirchen in Wiesbaden und Frankfurt am Main, Maria Wilhelmovna Speranskaja, Nachfahrin der Emigrant:innen der ersten Welle, rettete dieses Archiv buchstƤblich vor der Entsorgung. Dank ihres Engagements konnten die unschƤtzbaren Materialien in das Archiv der deutschen Diƶzese überführt werden.

Dieses persƶnliche Engagement führte zu einer wichtigen institutionellen Zusammenarbeit: Ein Teil des Stulow-Bestandes wurde auf Beschluss des Bischofsrates aus dem Archiv der deutschen Diƶzese an das Staatliche Museum der Bildenden Künste A. S. Puschkin in Moskau übergeben ā ein bedeutender Beitrag zur Bewahrung des Erbes der russischen Emigration. Seit 1988 ist das Puschkin-Museum Eigentümer des Stulowāschen Zinshauses in Moskau, das 1913ā1914 vom Vater und Onkel Nikolai Nikolajewitschs errichtet wurde. Zurzeit wird das GebƤude restauriert; nach Abschluss der Arbeiten wird es einen besonderen Platz im Museumsviertel einnehmen. Geplant ist die Einrichtung eines āHauses des Textesā, das alle Museumsbibliotheken, Sammlungen seltener Bücher und Archive vereinen soll. Darüber hinaus werden dort AusstellungsrƤume, eine wissenschaftliche Bibliothek, eine Druckerei und eine Buchbinderei untergebracht sein. Zudem wird eine Gedenkausstellung zur Geschichte der Familie Stulow erƶffnet werden, deren bedeutender Teil aus den aus dem Archiv der deutschen Diƶzese übergebenen Materialien besteht. Damit wurden dank des rechtzeitigen Handelns von Maria Wilhelmovna Speranskaja Dokumente, die hƤtten verloren gehen kƶnnen, nicht nur Teil kirchlicher und musealer Sammlungen, sondern bilden auch die Grundlage einer ƶffentlichen Ausstellung, die künftigen Generationen zugƤnglich sein wird. Dieses Beispiel unterstreicht, dass die Bewahrung des Kulturerbes nicht nur Aufgabe der Archive ist, sondern auch Verantwortung eines jeden, der sich seines Wertes bewusst ist.
Wissenschaft, Recht und Erinnerung: Drei Dimensionen der Arbeit mit dem Kirchenarchiv
Unter den Forschenden, die sich an das Archiv wenden, sind nicht nur Spezialisten für die Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche. Das Archiv erhƤlt Anfragen aus den Bereichen Kirchenmusik, Emigrationsforschung und Genealogie. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden auf Grundlage der BestƤnde des Archivs der deutschen Diƶzese mehrere Monografien[13], zahlreiche Artikel, KonferenzvortrƤge und Dissertationen[14] erarbeitet. Die Herkunft der Anfragen ist breit gefƤchert ā aus Japan, den USA, GroĆbritannien, Polen, Spanien, Russland, Belarus, der Ukraine und weiteren LƤndern.
Wie alle diözesanen Einrichtungen untersteht auch das Archiv dem Vorsteher der deutschen Diözese. Die Vielfalt der eingehenden Anfragen belegt seine vielschichtige Rolle, die weit über die Aufgaben rein historischer Forschung hinausgeht. Grundsätzlich lassen sich die Anfragen in drei Hauptkategorien einteilen.
Thematische Anfragen
Thematische Anfragen stammen von Forschern, die an wissenschaftlichen Projekten, Monographien, Artikeln und Vorträgen arbeiten. Sie interessieren sich für bestimmte Aspekte des Lebens der Russischen Auslandskirche, die Geschichte der russischen Emigration sowie kulturelle und religiöse Prozesse. Solche Anfragen tragen zu einer vertieften Erforschung der Archivbestände und zur Einführung neuer Daten in den wissenschaftlichen Umlauf bei. Sie helfen, unser Verständnis historischer Ereignisse, der Rolle der Kirche und einzelner Persönlichkeiten in der komplexen Epoche des 20. Jahrhunderts zu erweitern.
Sozial- und Rechtsanfragen
Diese Kategorie umfasst Anfragen, die mit der Wiederherstellung von Dokumenten oder der BestƤtigung von Geburts-, Ehe- oder Sterbefakten verbunden sind ā besonders relevant für Nachkommen von Emigranten, displaced persons und diejenigen, die einen Nachweis über ihre Herkunft suchen. Für diese Menschen ist das Archiv nicht nur ein Aufbewahrungsort der Vergangenheit, sondern ein Instrument, um die Verbindung zu ihrem verlorenen Erbe wiederherzustellen und aktuelle rechtliche Fragen zu klƤren. Jeder wiederhergestellte Eintrag hilft einer Person, ihre Geschichte neu zu entdecken.
Genealogische Anfragen
Am persƶnlichsten und emotionalsten sind die genealogischen Anfragen. Menschen suchen Informationen über ihre Vorfahren ā Priester, Gemeindemitglieder, Flüchtlinge. Für sie wird das Archiv zu einem Ort, an dem man die fehlenden Glieder der Familiengeschichte finden, das Schicksal der Verwandten erfahren und eine persƶnliche Verbundenheit mit der Vergangenheit spüren kann. Jedes gefundene Dokument, jeder Eintrag über eine Taufe oder eine Ehe ist nicht nur eine Tatsache, sondern eine Entdeckung, die das familiƤre GedƤchtnis wiederherstellt und die Generationen verbindet.
Schlussfolgerung
Die Analyse des Archivs der Deutschen Diƶzese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA) erlaubt eine Reihe von Schlussfolgerungen, die seine Einzigartigkeit und seine vielschichtige Bedeutung bestƤtigen. Dieses Archiv ist nicht nur eine Sammlung von Dokumenten der Diƶzese, sondern eine vollstƤndige Chronik der russisch-orthodoxen PrƤsenz auf deutschem Boden, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Seine Geschichte ist untrennbar mit den kirchlichen Institutionen des kaiserzeitlichen Russlands verbunden, und der Wert dieser KontinuitƤt liegt vor allem im geistlichen Erbe der russischen Orthodoxie. Die Entstehungsgeschichte seiner BestƤnde zeigt anschaulich, wie das institutionelle GedƤchtnis der Kirche die Erschütterungen der Epochen überstanden hat. Beginnend mit Fragmenten der Archive von Botschafts- und Kurortkirchen, über die tragischen Verluste wƤhrend des Ersten Weltkriegs, sammelte das Archiv ein dokumentarisches Erbe, das das Schicksal der russischen Orthodoxie widerspiegelt. Im Unterschied zur vorrevolutionƤren Zeit, als ein GroĆteil der Dokumente über das Leben der Auslandsgemeinden nach Russland übermittelt wurde, wurden nach 1917 die russischen kirchlichen Institutionen im Ausland ā darunter die Deutsche Diƶzese der ROKA ā zu wichtigen Zentren der Bewahrung historischen GedƤchtnisses.
Die bewegte Geschichte des Archivs, die von Verlusten wƤhrend der Weltkriege und von unzureichenden Aufbewahrungsbedingungen geprƤgt ist, macht seine heutige Existenz umso wertvoller. Der Verlust eines Teils der BestƤnde in Berlin im Jahr 1945 sowie die Entscheidung, auf der Ebene des Vikariats in der Nachkriegszeit Dokumente zu vernichten, zeugen von der FragilitƤt des historischen Erbes. Zugleich unterstreichen sie jedoch die auĆergewƶhnliche Bedeutung des aufopferungsvollen Einsatzes der DiƶzesansekretƤre, denen es gelang, den grƶĆten Teil der ArchivbestƤnde zu bewahren. Gerade ihr hingebungsvoller Dienst hat die Weitergabe unschƤtzbarer Materialien an künftige Generationen ermƶglicht.
Dank seiner Vielfalt stellt das Archiv eine unersetzliche Quelle für die Geschichte der russischen Emigration, das Leben der Diaspora und ihre Beziehungen zu den deutschen staatlichen und kirchlichen Institutionen dar. In seinen Dokumenten spiegelt sich die Geschichte der besonderen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sowie die tragischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts wider, die in den Schicksalen der drei Wellen russischer Emigration ihren Ausdruck fanden. Besonders wertvoll sind die Materialien, die die soziale Mission der Diƶzese dokumentieren: die Hilfe für displaced persons, Kriegsgefangene und āOstarbeiterā sowie die seelsorgerische Unterstützung orthodoxer Christen in der Sowjetunion.
Das Archiv dient nicht nur der wissenschaftlichen Forschung, sondern erfüllt auch eine wichtige sozial-rechtliche und genealogische Funktion, indem es Menschen hilft, verlorene Dokumente wiederherzustellen, ihre Wurzeln zu finden und die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erneuern. Seine fortlaufende Erweiterung ā auch durch die Aufnahme privater NachlƤsse ā zeigt, dass das Archiv der Deutschen Diƶzese ein lebendiger, sich entwickelnder Organismus ist, der als Zentrum der Bewahrung historischen GedƤchtnisses, kirchlicher IdentitƤt und geistlichen Erbes fungiert. Der Wert dieser Archivsammlung reicht weit über die Grenzen der Diƶzese hinaus, da sie einen der zentralen Bestandteile des gesamten Archivnachlasses der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland darstellt.
[1] Kinstler, Anatolij. Archiv der Deutschen Diƶzese der ROKA [Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland] im Kontext der Geschichte. In: Archivar, Band 75, Heft 4 (2022), S. 332ā337.
[2] Kinstler, A. W. Das baltische orthodoxe Thema im Archiv der deutschen Diƶzese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland. // Wissenschaftlich-analytische Zeitschrift Orthodoxie im Baltikum, Nr. 3 (12). Riga, 2015, S. 11ā48.
[3] Ton, Nikolaj, Hypodiakon. Erzpriester Alexij Maltzew ā Theologe, Kirchenhistoriker, Ćbersetzer, Missionar. Zum 100. Jahrestag seines Heimgangs. Vortrag auf der gemeinsamen Pastoralkonferenz der Berliner Diƶzese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und der Berliner Diƶzese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (15.ā17. Dezember 2015). Online verfügbar unter: http://rokmp.de/wp-content/uploads/2016/02/maltcev.pdf
(Zugriff am 29.08.2025).
[4] Weiss, Stefan. Begegnung in Charlottengrad: Die Berliner Musikwelt empfƤngt das russische Exil. In: Macht Musik: Kultur und Gesellschaft in Russland. Herausgegeben vom Berliner Wissenschafts-Verlag. Bd. 59, Nr. 4, April 2009, S. 61.
[5] Kostrjukow, A. A. Die provisorische hƶchste kirchliche Verwaltung im Südosten Russlands als Beginn der kirchlichen AutoritƤt im Ausland. // Bote der Orthodoxen UniversitƤt St. Tichon. Reihe 2: Geschichte. Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche. ā 2008. ā Nr. 28. ā S. 59.
[6] Schkarowski, M. W. Das nationalsozialistische Deutschland und die Orthodoxe Kirche. / M. W. Schkarowski. ā Moskau: Verlag des Krutizker Patriarchalhofs und der Gesellschaft der Liebhaber der Kirchengeschichte, 2002. ā S. 88.
[7] Eben, S. 276.
Ā (Zugriff am 29.08.2025).
[9] Russisches Staatliches MilitƤrarchiv (RGWA), Fonds 500, Inventar 3, Akte 455, Blatt 171.
[10] Archiv der Russischen Auslandskirche (AGE ROKA), Nachlass N. N. Stulow. Brief des Igumen Georgij (Sokolow) an N. N. Stulow vom 29.07.1955.
[11] AGE, Fonds 3, Inventar 5, Kiste 55, Akte 3, Blatt 14.
[12] Biografie von N. N. Stulow auf der offiziellen Website der Johannes Gutenberg-UniversitƤt Mainz: https://www.gutenberg-biographics.ub.uni-mainz.de/personen/register/eintrag/nikolai-stuloff.html
[13] Zum Beispiel: Kornilow, A. A. āWir werden ans andere Ufer gelangen...ā Die TƤtigkeit des orthodoxen Klerus im Lager der Displaced Persons in SchleiĆheim (1945ā1951). Nischni Nowgorod ā München: FakultƤt für Internationale Beziehungen der Staatlichen UniversitƤt Nischni Nowgorod, Wissenschaftlich-Forschungszentrum āRussisches Auslandā, Kloster des hl. Ijob von Potschajew in München, 2011. ā 140 S.;
Gawrillin, A. W. Lettische orthodoxe Geistliche auf dem amerikanischen Kontinent. Moskau: Gesellschaft der Liebhaber der Kirchengeschichte, 2013. ā 407 S.;
Antonius (Doronin), Erzbischof von Grodno und Wolkowysk. Erzbischof Benedikt (Bobkowski) (1876ā1951): Leben, kirchlicher Dienst und schriftliches Erbe. Minsk, 2024. ā 140 S.
[14] Zum Beispiel: Makowezkij, Arkadij, Erzpriester. Die Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland: Entstehung und organisatorische Entwicklung ihrer Gemeinden auf kanonischem Territorium der Russischen Orthodoxen Kirche und ihre Vereinigung mit der Mutterkirche (1990ā2007). Kirchliche Graduiertenschule und Doktorandenschule im Namen der heiligen Gleichapostel Kyrill und Method, 2021;
Slessarew, A. W. Kirchliches Leben der weiĆrussischen Emigration 1944ā1991: Probleme der Organisation, jurisdiktionelle Widersprüche und Spaltungen. Vereinigter Doktorrat der Moskauer Geistlichen Akademie, der St. Petersburger Geistlichen Akademie, der Minsker Geistlichen Akademie und der Sretenskij-Geistlichen Akademie, 2022;
Fastowski, A. M. (München). Die kanonische Grundlage der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland und der seelsorgliche Beitrag der Vertreter ihrer deutschen Diƶzese zum āAkt der kanonischen Gemeinschaftā (1991ā2002). Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie an der Ludwig-Maximilians-UniversitƤt, 2024.
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