Erzbischof Feofan von Poltawa, Predigt auf die Geburt Johannes des Täufers

Wenn die Welt euch hasst, wisset, dass sie Mich vor euch gehasst hat (Jo. 15, 18).


Nicht nur das Leben des hl. Johannes des Vorläufers, dessen Gedenken wir heute feiern, sondern auch die gesamte Geschichte des Christentums zeigt äußerst überzeugend auf, wie wahr diese Worte unseres Heilandes sind. Sobald das Christentum in dieser Welt erschien, traf es auf den Hass dieser Welt, zuerst der jüdischen, dann auch der heidnischen.

Ihre Treue zu Christus besiegelten die ersten Christen mit dem Blut zahlreicher Märtyrer. Auf dem reich mit Märtyrerblut getränkten Grund wurde der großartige Bau des frühen Christentums errichtet. Später wurden die jüdische und die heidnische Welt besiegt, aber nicht vernichtet. Sie lebten, wenn auch verändert, weiter im Inneren des Christentums selbst. Wer sich von der Richtigkeit des Gesagten überzeugen will, schaue nach im Jahrbuch der Christenheit. Wer fachte so oft innerhalb der Christenheit Feindschaft, Zwist, Aufruhr und die Verfolgung der nicht selten Besten unter den Christen an, wer mühte sich die Leuchter des Glaubens auszulöschen? Wer erfüllte die Christenheit mit Märtyrern, die von Menschen gemartert wurden, welche sich ebenfalls als Christen bezeichneten? Wer verwandelte das Leben des hl. Athanasios des Großen in die Wanderschaft eines Vertriebenen? Wer ließ keinen ruhigen Tag im Leben Basilios des Großen und Gregor des Theologen? Wer kerkerte den hl. Chrysostomos ein? Wer war der Auslöser dessen, dass viele Heilige aus den christlichen Städten flüchteten und in der Wüste unter den wilden Tieren sich in größerer Sicherheit befanden? War dies etwa nicht „die Welt“, die, obwohl sie seinerzeit durch die Kraft des Glaubens an Christus besiegt (vgl. 1 Jo 5, 4), aber nicht vernichtet worden war, und die fortfuhr, im Schoße der Christenheit selbst zu leben, und diejenigen zu hassen, die wirklich Christus angehörten, nicht nur dem Namen nach, oder sich zumindest tatkräftig bemühten, Ihm anzugehören.

Und je mehr sich der Lauf der Welt seinem Ende nähert, desto stärker offenbart sich ihr Hass gegen die wahren Nacheiferer Christi. Ob es wohl im Morgengrauen der neuesten Geschichte nicht dieser Hass auf Christus und das wahre Christentum war, der fast alle Länder des Westens mit Blutströmen erfüllte, in welchen im Namen einer vermeintlichen, illusorischen bürgerlichen Freiheit die wahre, christliche Freiheit unterdrückt wurde? Und in der aller-neuesten Zeit, hat nicht derselbe Hass „dieser Welt“ gegen Christus und die Christen einen einzigartigen christlichen Staat – das Russische Reich – zerstört, und die weiten Ebenen Russlands mit Blut geflutet? Wir nun, die ins Exil Vertriebenen, sind wir nicht ebenso Opfer des Hasses „dieser Welt“ gegen unsere Heimat?

Aber selbst wenn wir zu Opfern des Hasses dieser Welt geworden sind, sollten wir nicht der Selbsttäuschung verfallen. Wir dürfen nicht glauben, dass uns schon allein deswegen der Geist dieser Welt und sein Hass gegen alles Christliche völlig fremd sind! Wenn er auch nicht in der groben Art des reinen Antichristentums zu Tage tritt, ist er bei uns nicht doch in einer verfeinerten, umgewandelten Form vorhanden? Die aufmerksame Beobachtung des Lebens dieser Welt zeigt leider, dass „diese Welt“ fürwahr sich auch bei uns – abgewandelt – breit macht. In der Tat, wenn einer von uns, der wegen seiner gesellschaftlichen Position sich im Blickfeld der Welt befindet, sich aus Antrieb des christlichen Geistes entschlösse, sämtlichen Arten von Unterhaltung und Vergnügungen zu entsagen, sein Hab und Gut allein für die Armen zu gebrauchen, nur dem Gotteshaus anzuhangen: Würde da die Welt diesen ihren Flüchtling nicht mit verletzenden Blicken verfolgen? Würde sie ihn da nicht zur Zielscheibe für die Pfeile ihres Scharfsinns machen? Fänden sich da nicht Leute die gar an der psychischen Gesundheit eines solchen zweifeln würden, allein aus dem Grund, dass er sich nicht an die Welt mit ihren ungesunden Urteilen und ungerechten Regeln anpasst? Der christlichen Besonnenheit fällt es nicht schwer, die Art von Kunst abzuweisen, welche einst die Herodias mit dem abgeschlagenen Haupt dessen belohnte, der Umkehr und Keuschheit predigte. Allein dieses Gedenkens wegen ist eine solche Kunst für den denkenden Christen widerlich. Weshalb aber verschreiben sich dieser Kunst oft auch Christen und Christinnen? Nicht zu ihrer Verurteilung, sondern zu ihrer Entschuldigung können wir davon ausgehen, dass viele von ihnen dies nicht etwa aus besonderer Liebe zu dieser Kunst tun, sondern aus Furcht, die Welt könnte sie strafen mit Verachtung, dafür dass sie die Gesetze dieser Welt verachten.

Christ! Fürchte nicht den Hass dieser Welt gegen dich, worin er sich auch immer äußern möge. Die gegen dich gewandten Pfeile der Welt, sind wahrhaft, nach dem Ausdruck des Psalmisten, Kinderpfeile (Ps 63, 8). Diese Pfeile können nur den Schwachen im Glauben verletzen, aber nie den Festen, in den Geist Christi Eingekleideten schädigen. Fürchte etwas Anderes! Fürchte dich, zum Sklaven „dieser Welt“ zu werden! Fürchte dich davor, dass du, aus Angst, von der Welt verworfen zu werden, dahin geraten könntest, von Gott verworfen zu sein. Denn der Heiland sagt, niemand kann zwei Herren dienen (Mt 6, 24). Und wer ein Freund der Welt werden will – der wird, nach dem Wort des Apostels, zum Feind Gottes (Jak 4, 4). Amen.


Gesprochen am 24. Juni 1923 in Warna.

(Quelle: Archiepiskop Averkij (Taušev). Vysokopreosvjaščennyj Feofan, archiepiskop Poltavskij i Perejaslavskij. Jordanville, NY, 1974. S. 70-71)

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